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Agentic Commerce Webshopping der Zukunft: Wenn Maschinen von Maschinen kaufen

KI-gesteuerte Agenten kaufen eigenständig von anderen KI-Agenten ein. Ein Multi-Billionen-Markt oder nur ein Hype?

Darum geht’s: Beim Einkaufen in Webshops suchen wir in der Regel Produkte, vergleichen online Preis und Qualität und kaufen dann ein. Bei «Agentic Commerce» müssen wir der KI nur unseren Wunsch mitteilen, dann übernehmen KI-gesteuerte Agenten den ganzen Kaufprozess.

Mann vor Grafik
Legende: Marc Vanlerberghe erklärt an der Crypto Finance Conference in St. Moritz Agentic Commerce. SRF / Dario Pelosi

KI bucht Ferien: Ginge es nach Marc Vanlerberghe von der Krypto-Stiftung Algorand, würden schon bald KI-gesteuerte Agenten die neuen Laufschuhe selbstständig einkaufen oder gar die nächsten Ferien buchen: «Es braucht Tage, um Flüge, Mietautos oder Hotels zu suchen. Es ist doch viel einfacher, wenn eine Maschine diese Abwägungen macht, massgeschneiderte Ferien zusammenstellt und diese auch gleich bucht.» Wer also zum Beispiel Ferien buchen will, erklärt seinem KI-Agenten in einem Prompt seine Präferenzen – zum Beispiel Badeferien in Übersee mit einem Mietauto – und legt das Budget fest. Der Agent stellt ein passendes Ferienangebot zusammen und bucht die gesamte Reise umgehend mittels hinterlegter Kreditkarte und Identitätsausweisen.

Das Software-Protokoll hinter Agentic Commerce

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Agentic Commerce überhaupt möglich macht MCP. Das ist ein Software-Protokoll, das gerade mal 14 Monate alt ist. «Es sorgt dafür, dass wir eine KI nicht nur als Assistentin nutzen können, die uns mit Informationen versorgt, sondern dass die KI eigenständig handeln kann», sagt Marc Vanlerberghe. Allerdings: Es braucht auch Sicherheiten, zum Beispiel Sicherheitsmechanismen, dass der KI-Agent nicht munter drauflos einkauft und die hinterlegte Kreditkarte überstrapaziert.

Onlinehandel neu denken: Für den Onlinehandel bedeutet Agentic Commerce einen fundamentalen Wandel. «Händler haben bis anhin laufend ihre Websites und Dienstleistungen optimiert, von der Sichtbarkeit auf Google, über das Shopping-Erlebnis selbst, die Verweildauer auf der Website und den Reminder, dass noch Produkte im Warenkorb liegen, bis zur Befragung nach dem Einkauf», sagt Marketing-Spezialist Marc Vanlerberghe von Algorand. Das wäre künftig alles kaum noch von Bedeutung. «Maschinen interessieren solche Dienstleistungen nicht.»

Maschinen interessiert Werbung nicht

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Der Onlinehandel muss sich überlegen, wie viel er künftig in Onlinewerbung investiert, bekanntlich ein Multimilliardengeschäft für Google und Co. Händlerinnen müssten vor allem ihre Websites aufrüsten, damit sie auch für Maschinen sichtbar und attraktiv seien, sagt Marc Vanlerberghe. Will heissen: Auch sie brauchen Verkaufsagenten, die mit den Einkaufsagenten kommunizieren und allenfalls auch über Angebot und Preis verhandeln können. Und wenn Händler zum Beispiel besonders interessante Kundschaft an sich binden wollten, könnten sie vom Einkaufsagenten mehr Angaben zur Einkäuferin einfordern, bevor sie Vergünstigungen anbieten oder Treueprämien gewähren.

Gigantischer Markt: Marc Vanlerberghe ist überzeugt: «Agentic Commerce, das Webshopping von Maschinen, ist der Markt der Zukunft.» Die KI-Agenten würden die Kundschaft sehr genau kennen, eigenständig aussuchen und einkaufen. Das Potenzial sei gigantisch. «Die Marktanalysen grosser Consulting-Konzerne wie McKinsey rechnen schon in drei bis vier Jahren mit einem Multi-Billionen-Dollar-Markt.»

Tablet mit Modebildern in einer Hand.
Legende: Das Online-Shopping könnte sich durch Agentic Commerce fundamental verändern. Keystone / Laurent Gillieron

Auch für Unternehmen: Agentic Commerce könnte das Webshopping von uns, aber nicht zuletzt auch den Einkauf von Unternehmen verändern, zum Beispiel bei wiederkehrenden Beschaffungen von Bauteilen oder Rohstoffen. Und das könnte die Lieferketten nachhaltig verändern, weil Maschinen schneller evaluieren, kaufen und nachliefern lassen.

Wie weiter: Die Software-Protokolle, die diese neue Art von E-Commerce unterstützen, sind teilweise erst wenige Monate alt. Es sind zum Beispiel Protokolle, die ermöglichen, dass künstliche Intelligenzen verschiedener Anbieter miteinander kommunizieren können oder Aufträge an die Agenten und abgeschlossene Verträge sicher in einer Blockchain abgelegt werden. Diese komplexen Abläufe sind anfällig auf Kinderkrankheiten. Es dürfte wohl noch eine Weile dauern, bis Agentic Commerce sich breit durchsetzt. Und es dürfte einige Fehlbestellungen, allenfalls auch mit juristischen Folgen, geben.

Welche Risiken birgt Agentic Commerce?

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KI-Systeme, die selbstständig einkaufen, sind technisch fortgeschritten. Doch es gibt ziemlich viele offene Fragen rund um die Sicherheit oder das Vertrauen. Guido Berger von der Digitalredaktion erklärt, wo Risiken bestehen.

SRF News: Wie ausgereift sind KI-Agenten, die für uns einkaufen?

Guido Berger: Die Modelle verstehen heute sehr gut, was Nutzende von ihnen wollen, sie verstehen den Prompt gut. Sie können Webshops wie menschliche Kunden bedienen oder mit anderen Agenten interagieren. Doch es gibt eine grosse, ungelöste Sicherheitsfrage, Stichwort «Prompt Injection»: Eine KI kann manipulierte Anweisungen für legitime Befehle halten.

Können Sie das ausführen?

Ich erkläre es mit einem Bild: Wenn ich meinen Hund mit Kreditkarte losschicke, um beim Grossverteiler einen Salat zu kaufen, kann ihn unterwegs eine zwielichtige Gestalt mit einem Würstchen zu sich locken. Am Ende kommt er mit verwelktem Unkraut zurück – und die Kreditkarte ist weg. Das passiert bei «Prompt Injection»: Die KI erhält Anweisungen, die wie legitime Nutzerbefehle aussehen, es aber nicht sind. Ihr beizubringen, gute von bösartigen Anweisungen zu unterscheiden, ist extrem anspruchsvoll. Eine überzeugende Lösung gibt es bisher nicht.

Wer haftet bei Fehlkäufen?

Auch das ist offen. Händler, Kreditkartenfirma, Hersteller dieser KI-Agenten oder Nutzende selbst? Solange das ungeklärt ist, bleibt das Risiko für Anwenderinnen hoch.

Also Datensicherheit versus Bequemlichkeit?

Ja. Gerade Early Adopter – Personen, die neue Technologien früh und oft experimentierfreudig einsetzen – nutzen solche Agenten recht bedenkenlos, weil sie so bequem sind. Autonome Systeme mit Kreditkartenzugriff sind jedoch ein attraktives Ziel für Betrüger. Wer sie unkritisch einsetzt, wird wahrscheinlich Geld verlieren.

Das Gespräch führte Radka Laubacher.

Rendez-vous, 16.2.2026, 12:30 Uhr; wilh

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