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Arbeitsintegration Ikea fordert: Firmen sollen mehr Geflüchtete beschäftigen

Nach drei Jahren im Land arbeitet ein Drittel der Geflüchteten. Das ist zwar eine Verbesserung, aber wäre mehr möglich?

Die grossen Schweizer Arbeitgeber müssten mehr tun, findet Janie Bisset. Sie ist die Chefin von Ikea Schweiz: «Grosse Firmen wie wir haben eine besondere Verantwortung. Wir haben das Geld, die Strukturen und die Möglichkeiten.« Ohne Arbeit sei Integration kaum möglich. Bei Ikea Schweiz arbeiten 3500 Mitarbeitende, darunter etwa 100 mit Fluchtgeschichte.

So viele Geflüchtete arbeiten in der Schweiz:

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In der Schweiz leben über 200'000 Geflüchtete, darunter:

  • 68'000 anerkannte Flüchtlinge (Ausweis B), 40% sind erwerbstätig
  • 42'000 vorläufig Aufgenommene (Ausweis F), 45% erwerbstätig
  • 72'000 mit Schutzstatus S, 36% erwerbstätig, bei jenen, die seit mindestens drei Jahren in der Schweiz sind, 43%
  • 17'000 sind Asylsuchende, die nur in Ausnahmefällen arbeiten dürfen (5% erwerbstätig)

Nicht miteingerechnet sind alle Personen mit Niederlassungsbewilligung. Darunter sind auch Personen mit Fluchtgeschichte.

Laut Bund schneidet die Schweiz vor allem bei der langfristigen Erwerbsintegration im internationalen Vergleich gut ab. Schnell eine Stelle zu finden ist schwierig, mögliche Gründe sind die hohen Anforderungen an die Sprachkenntnisse und an die Qualifikation. Die meisten Arbeitgeber verlangen mindestens eine abgeschlossene Berufslehre.

Die Verantwortlichen der Ikea sind in stetigem Austausch mit Job-Coaches und kantonalen Behörden, sie bietet drei verschiedene Programme für Geflüchtete an, darunter Praktika mit Sprachkursen, eine Vorlehre und ein Programm für den direkten Einstieg. Die Investition lohne sich, sagt Bisset: «70 Prozent der Geflüchteten arbeiten weiter bei uns. Wir investieren in Talente, die sich dann auch in unserer Firma weiterentwickeln können.»

Er wollte unbedingt auf eigenen Beinen stehen

Eines dieser Talente ist Ftwi Atobrhan, der Eritreer ist seit bald zehn Jahren in der Schweiz. Seit 2019 arbeitet er für Ikea. Mittlerweile ist er gelernter Detailhandelsfachmann, aber er kann sich noch gut erinnern, wie er zu Ikea kam: Nach einem Deutschkurs hat sein Job-Coach Arbeit für ihn gesucht. «Ich hatte keine Ahnung, was Ikea ist,» sagt Atobrhan. Das hat sich aber schnell geändert. Heute arbeitet er im Verkauf retournierter Möbel und kennt so fast das ganze Sortiment.

Junger Mann in einem Warenlager
Legende: Rasch Arbeit zu finden, war für Ftwi Atobrhan entscheidend: «Früher war ich abhängig von der Sozialhilfe, jetzt kann ich auf meinen eigenen Beinen stehen und das hat mein Leben erleichtert.» SRF

Alleine könne Ikea keinen grossen Unterschied machen, sagt Janie Bisset: «Wir wollen unsere Erfahrungen weitergeben, damit andere Firmen nicht denselben Lernprozess durchlaufen müssen wie wir.» Im November hat das Unternehmen darum zu einem Vernetzungstreffen geladen. Das Ziel: Mehr Unternehmen zu motivieren, Geflüchteten Arbeit zu geben.

Ohne die Unternehmen geht's nicht

Auch Adrian Gerber war an dem Treffen. Er arbeitet im Auftrag des Bundesrats. Seine Aufgabe ist, möglichst viele Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Schweiz sei schon besser geworden: Nach drei Jahren in der Schweiz arbeite etwa ein Drittel der Geflüchteten, das sind 10 Prozentpunkte mehr als noch vor drei Jahren. Das sei ein Fortschritt, sagt Gerber: «Aber wir können als Schweiz hier sicher noch mehr machen.»

Nur wenn auch die Chefetage daran glaubt, ist die Integration erfolgreich.
Autor: Janie Bisset Chefin von Ikea Schweiz

In der Pflicht sieht er die Geflüchteten, aber auch die Unternehmen, sie müssten den Geflüchteten eine Chance geben. «Die sind hier im Land, dieses Potenzial müssen wir nutzen.» Manchmal brauche es eine Extrameile, aber es sei eine Investition und die lohne sich auf lange Sicht. Der Staat könne unterstützen, vermitteln, aber letztlich sei es ein freier Arbeitsmarkt.

Er ist vor allem mit grossen Firmen in Kontakt, damit sie das noch systematischer angehen könnten. Einige würden das schon tun, bei anderen gebe es noch Luft nach oben. Die Bandbreite ist riesig, das zeigt auch eine Umfrage von SRF bei den grössten Arbeitgebenden des Landes.

Diese Unternehmen unterstützen Geflüchtete

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Coop, Fenaco und die Post beschäftigen je mehr als hundert Geflüchtete.

Andere Firmen wollen keine Angaben machen, obwohl Geflüchtete mit Status F, S und B beim Staatssekretariat für Migration gemeldet werden müssen. Die Kommunikationsstellen schreiben dann, dass sie «aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen keine Auskünfte geben» könnten, die Stellen aber offen seien «für alle». Die Herkunft spiele bei der Rekrutierung «keine Rolle».

Viele grössere Firmen bieten eine Integrationsvorlehre an, nur wenige bieten Praktika oder andere Einstiegsstellen spezifisch für Geflüchtete an.

Befragt wurden: Migros, Coop, Fenaco, Roche, Novartis, Nestlé, UBS, Swisscom, Post, SBB, AMAG, die Bundesverwaltung, der Kanton Zürich.

Damit die Integration von Geflüchteten gelinge, müsse man aber die Tür aktiv öffnen, sagt Janie Bisset. Am Anfang bräuchten Geflüchtete viel Begleitung und Programme, die auf sie zugeschnitten seien. Zudem brauche es die volle Unterstützung der Chefetage, sie müsse voll und ganz dahinterstehen sagt Bisset: «Nur wenn auch die Chefetage daran glaubt, ist die Integration erfolgreich.» Für Janie Bisset ist es eine Herzensangelegenheit. Sie sieht nicht nur die öffentliche Hand, sondern auch die Unternehmen in der Pflicht.

Rendez-vous, 14.4.2026, 12:30 Uhr;weds

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