In Ftan im Unterengadin möchte eine Erbengemeinschaft sechs Genossenschaftswohnungen bauen. Einziehen sollen Familien aus dem Dorf. Dagegen wehren sich die Zweitwohnungsbesitzer. Sie blockieren das Projekt mit Einsprachen.
Es ist schade, dass es die Einsprachen gegeben hat, denn ohne diese, wären wir bereits am Bauen.
Würde an diesem Hang mit dem Bau begonnen, würden bald weitere Bauten folgen, so ihre Befürchtung. Das würde der Aussicht auf die Bergkulisse und damit dem Wert ihrer Liegenschaften schaden. Für den zuständigen Architekten ein grosses Ärgernis: «Eigentlich ist alles perfekt. Es ist schade, dass es die Einsprachen gegeben hat, denn ohne diese wären wir bereits am Bauen.»
Kaum leere Wohnungen
Die Leerwohnungsziffer in den Tourismusgemeinden ist tiefer als im Landesdurchschnitt: Während schweizweit aktuell rund eine von 100 Wohnungen leer steht, sind es in den Touristenorten lediglich 0.75. Die Preise steigen, Einheimische können sich Miete oder Kauf nicht mehr leisten.
Wer im Ort arbeitet, muss oft weit ausserhalb wohnen. Die Covid-Pandemie und die Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative hätten das Problem verschärft, sagt etwa das Bundesamt für Wohnungswesen.
Von der Gemeinde für die Gemeinde
Neben Ftan hat auch Gstaad im Berner Oberland das Problem erkannt: Hier sollen 63 Genossenschaftswohnungen gebaut werden. Preiswerter Wohnraum für 130 bis 150 Personen – mit strikten Auflagen: Einziehen darf nur, wer in der Gemeinde Saanen lebt oder arbeitet.
Die Idee kommt aus der Bevölkerung, das Bauland von der Gemeinde. Als Gegenwert erhält diese Genossenschaftsanteile. Einsprachen gibt es auch hier, noch ist unklar, wann definitiv gebaut wird.
Bei vielen Gemeinden fehlt das Bewusstsein, dass Wohnbauförderung eine wichtige Standortförderung darstellt.
Das Kompetenzzentrum für gemeinnützigen Wohnungsbau in Bern berät solche Bauvorhaben. Ihr Leiter Daniel Blumer nimmt die Gemeinden in die Pflicht: «Bei vielen Gemeinden fehlt das Bewusstsein, dass Wohnbauförderung, insbesondere der gemeinnützige Wohnungsbau, eine wichtige Standortförderung darstellt.» Eine weitere Hürde seien die Bodenpreise, respektive das fehlende Bauland und knappe Finanzen während der Projektentwicklung.
Keine Entspannung in Sicht
In den letzten Jahren hat sich im gemeinnützigen Wohnbau zwar viel getan. Im Kanton Zürich beispielsweise ist heute rund jede vierte Wohnung dem gemeinnützigen Wohnbau zuzuordnen. In den touristischen Kantonen sieht es anders aus.
Die Beispiele aus Ftan und Gstaad zeigen, dass mehr Wohnraum für Einheimische kein leichtes Unterfangen ist. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt in den Tourismusgemeinden wird sich so bald nicht entspannen.