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Deutschlands Wirtschaft Warum Märklin bleibt – hinter den Kulissen der Modellbahnfabrik

Wie viele deutsche Firmen steht Märklin unter Druck. Trotzdem hält der Modelleisenbahnhersteller am Standort fest. Aber auch Märklin fordert ein entschiedeneres Handeln der Politik.

Deutschland steckt wirtschaftlich in Schwierigkeiten. Nach zwei Jahren Rezession hat sich die Lage zuletzt zwar leicht verbessert, das Wachstum bleibt aber schwach. Viele Unternehmen klagen über hohe Kosten und Bürokratie – einige verlagern ihre Produktion vollständig ins Ausland.

Nicht so Märklin. Der traditionsreiche Modellbahnhersteller hält am Standort Deutschland fest – und hat in den letzten zwei Jahrzehnten sogar die Produktion zurückgeholt. Geschäftsführer Wolfrad Bächle sagt: «Es kann doch nicht die Berufung von Geschäftsführern sein, dass man alles nur noch ins Ausland verlagert, sondern ich muss auch Arbeitsplätze für meine Kinder sichern.»

Das Bild zeigt ein hellgelbes, symmetrisches Fabrikgebäude mit einem Uhrenturm in der Mitte.
Legende: Der Hauptsitz von Märklin in Göppingen, südöstlich von Stuttgart Die Märklin-Fabrik ist ein typischer Industriebau aus dem frühen 20. Jahrhundert und steht teilweise unter Denkmalschutz. Damian Rast / SRF

Die Firma produziert rund 70 Prozent ihrer Modelle und Komponenten selbst, in Göppingen und im ungarischen Györ. Der Rest wird in Asien zugekauft, vor allem in China.

Handarbeit im Hochlohnland

Ein Rundgang durch die Fabrik zeigt: Trotz Automatisierung bleibt viel Handarbeit. Eine Lokomotive besteht aus mehreren hundert Teilen, die montiert, galvanisiert, lackiert und verkabelt werden müssen.

In Märklin-Modellen steckt viel Handarbeit

Diese Handarbeit ist teuer. Märklin versucht, dem – durch Optimierung der Prozesse – zu trotzen und geht einen Pakt mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein: Diese arbeiten rund 40 statt der üblichen 35 Stunden, bei gleichem Lohn. Dafür erhalten sie eine sechsjährige Beschäftigungsgarantie. Für Bächle ein funktionierendes Modell: «Wenn sie intelligent arbeiten und mit ihren Leuten ein solches Agreement eingehen, dann können sie auch an einem Hochlohnstandort erfolgreich arbeiten.»

Doch ohne politische Reformen werde es schwierig. Konkret fordert Wolfrad Bächle weniger Bürokratie, tiefere Steuern und niedrigere Energiekosten.

Kritik an der Politik

Bächle, der früher meist FDP wählte, setzte bei der letzten Bundestagswahl auf die CDU und Friedrich Merz. Nun zeigt er sich aber enttäuscht von der Arbeit der Regierung: «Ich glaube, dass man viel schneller vorangehen müsste.»

Ein Mann mit einer Glatze und weissem Schnurrbart steht vor einer Vitrine mit verschiedenen Lokomotiven.
Legende: Der Märklin-Geschäftsführer Wolfrad Bächle ist seit über 30 Jahren bei Märklin und steht hier vor einer Auswahl an Märklin-Modellen der Spur 1 am Hauptsitz in Göppingen. Damian Rast / SRF

In Deutschland dauere alles zu lange: «Als ich das letzte Mal in China war, habe ich Autos gesehen, bei denen niemand am Lenkrad sass. Die tun es. Wir reden darüber und haben wieder irgendwelche Verordnungen, die sagen, warum es nicht geht.»

Verhaltener Optimismus

Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt. Handelskonflikte, Kriege und schwache Nachfrage belasten auch Märklin. Modelle kosten schnell mehrere hundert Franken – entsprechend sensibel reagiert die Kundschaft.

Im Märklin-Museum steht eine grosse Eisenbahnanlage

Trotzdem bleibt der Ton vorsichtig optimistisch. «Es ist uns nach wie vor gelungen, dass wir positive Zahlen schreiben», sagt Bächle. «Wir haben eine tolle Fangemeinde. Und so kommen wir ganz vernünftig rum.»

Das Bild zeigt ein Preisschild einer lock auf dem 3'800 Euro steht.
Legende: Das Hobby hat seinen Preis Hier eine Dampflokomotive im Museumsladen von Märklin. Die Lokomotive ist für die grosse Spurweite 1 und damit deutlich teurer als «gewöhnliche» Modelle der «normalen» Spurweite H0. Damian Rast / SRF

Märklin setzt damit auf ein Modell, das in Deutschland zunehmend unter Druck kommt: Produktion auch im Inland – trotz hoher Kosten. Ob dieses Modell Zukunft hat, hängt nicht zuletzt von der Politik ab.

«Die wirtschaftliche Lage im Raum Göppingen ist angespannt»

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Ein weisses Gebäude. Der Hauptsitz der IHK
Legende: Die IHK-Göppingen sieht in der Wirtschaftspolitik Handlungsbedarf Die Industrie- und Handelskammer vertritt die Interessen der lokalen Wirtschaft. Damian Rast / SRF

Gernot Imgart ist Geschäftsführer der Bezirkskammer Göppingen, der IHK Region Stuttgart.

SRF: Wie geht es der Wirtschaft im Raum Göppingen, Gernot Imgart?

Imgart: In der Region um Göppingen ist die Lage weiter angespannt. Vielleicht ist die Talsohle erreicht, ein echter Aufschwung ist aber noch nicht in Sicht. In der stark metallgeprägten Industrie hat sich die Lage zuletzt sogar nochmals verschlechtert. Die Krise ist spürbar: Es gibt Entlassungen, die Menschen sind zurückhaltend beim Konsum und viele kleine Betriebe verschwinden.

Wie unterscheiden sich die Probleme von Grossunternehmen und mittelständischen Betrieben?
Grosse Unternehmen erscheinen für Fachkräfte oft attraktiver, während der familiengeprägte Mittelstand mit sozialer Orientierung und lokaler Verankerung punkten muss. Zugleich prägen in der Öffentlichkeit vor allem die grossen Namen das Bild der Wirtschaft, obwohl ein grosser Teil der Auszubildenden und Beschäftigten aus kleinen und mittleren Unternehmen kommt.

Was müsste die Politik anpacken, damit es aufwärts geht?
Wir benötigen schnelle Entlastungen, sei es bei den Steuern oder Energiepreisen. An erster Stelle steht vor Ort aber eine wirtschaftsfreundlichere Verwaltung. Langsame Verfahren, zu viel Bürokratie und ein falsches Mindset gegenüber Unternehmen sind die grössten Bremsen. Nötig sind weniger Berichts- und Dokumentationspflichten, schnellere Genehmigungen sowie Signale, dass Investitionen, Unternehmen und Start-ups willkommen sind.

Was hat die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz bisher erreicht?
Aus Sicht der Unternehmen der Region fällt die Bilanz bislang verhalten aus. Sichtbare Signale, dass sich etwas ändert, fehlen. Die Ungeduld im Mittelstand ist gross.

Echo der Zeit, 10.04.2026, 18 Uhr; noes

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