Es ist eine der grössten Rückrufaktionen in der Geschichte von Nestlé: Der Konzern musste in über 60 Ländern Produkte zurückrufen, weil Babynahrung mit Gift verunreinigt sein könnte. Nun entschuldigte sich der Chef öffentlich dafür. Trotzdem gibt es Vorwürfe, Nestlé und die Behörden hätten schon im Dezember Bescheid gewusst, aber erst im Januar gehandelt. Wirtschaftsredaktorin Isabel Pfaff hat dazu recherchiert und beantwortet die wichtigsten Fragen.
Hat Nestlé versucht, zu vertuschen, dass die Babynahrung verunreinigt ist?
Ich wäre vorsichtig mit diesem Vorwurf. Ein Sprecher von Nestlé hat mir die zeitliche Abfolge der Ereignisse geschildert: Demnach hat Nestlé Anfang Dezember in einem Werk in den Niederlanden eine Verunreinigung festgestellt und dann alle 16 Länder in Europa informiert, die aus diesem Werk beliefert wurden. Dann wurde weiter überprüft und erst dann hat das Unternehmen festgestellt, dass die Verunreinigung nicht auf diese Fabrik zurückgeht, sondern mit dem Rohstoff eines Zulieferers zu tun haben muss. Das war kurz vor Weihnachten. Erst ab da habe Nestlé gewusst, dass das Problem grösser ist.
Der Konzern hat dann mit der Rückverfolgung begonnen und mit den Behörden der betroffenen Länder die Rückrufaktion koordiniert. Als Vertuschung kann man das meiner Auffassung nach nicht bezeichnen. Aber aus Konsumentinnensicht kann man die Frage stellen, ob Nestlé nicht früher einen öffentlichen Hinweis hätte geben müssen.
Es ist nicht das erste Mal, dass verunreinigte Babynahrung Nestlé Probleme macht – warum gibt es das immer wieder?
Babynahrung ist fast so etwas wie die ewige Achillesferse von Nestlé. Es gab einen grossen Skandal in den 1970er-Jahren, aber auch in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Verdachtsmeldungen zu Verunreinigungen.
Zuletzt hat die Schweizer NGO Public Eye öffentlich gemacht, dass in bestimmten Babynahrungsprodukten von Nestlé je nach Region unterschiedlich viel Zucker drin ist. Während der Getreidebrei Cerelac in der Schweiz oder Deutschland zuckerfrei auf den Markt kommt, enthält dasselbe Produkt in afrikanischen Ländern Zucker. Nestlé musste sich da den Vorwurf der Doppelmoral gefallen lassen.
Wird der aktuelle Giftstoff-Fall für Nestlé zum handfesten Skandal?
Ich gehe schon davon aus, dass der aktuelle Fall in der langen Reihe der Nestlé-Skandale eher ein grösseres Kapitel sein wird. Babynahrung ist ein heikles Produkt, hergestellt für die wohl verletzlichste Altersgruppe überhaupt. Dass es da um grundlegende Vertrauensfragen geht, liegt auf der Hand.
Wie überzeugend ist der Nestlé-Chef im Entschuldigungs-Video?
Auf mich wirkt der Videoauftritt von Philipp Navratil relativ überzeugend. Zumindest seit ich den Konzern beobachte, habe ich eine solche Videobotschaft als Reaktion auf derartige Vorwürfe nicht erlebt. Für Nestlé-Verhältnisse ist das eine recht aussergewöhnliche Massnahme, dass der Konzernchef selbst hinsteht. Navratil betont, dass er selbst Vater ist, dass er die Sorgen versteht – und er entschuldigt sich explizit.
Hat die weltweite Rückruf-Aktion Folgen für Nestlé?
Kurzfristig hat die Aktie an der Börse etwas gelitten, langfristig ist es schwierig zu sagen. Nestlé ist ja gerade in einer Art Umbauprozess: Mit Philipp Navratil als Chef und Präsident Pablo Isla hat Nestlé seit einigen Monaten ein komplett neues Führungsduo. Der aktuelle Vorfall ist jetzt quasi eine erste Bewährungsprobe für Navratil. Meiner Meinung nach waren das Video und die öffentliche Entschuldigung kluge Schritte.