Eigentlich war alles aufgegleist: Das Bundesamt für Gesundheit BAG beauftragte das Institut für Hausarztmedizin der Universität Zürich, die administrative Last der Hausärztinnen und Hausärzte zu untersuchen. Die Studie soll als Basis dazu dienen, die Ärzteschaft zu entlasten.
FMH kritisiert eigene Leute
Doch kurz bevor die Erhebung startet, kommt es zum Eklat in der Begleitgruppe der Studie. Die Ärzteverbände FMH und MFE stellen die Wissenschaftlichkeit der aufgegleisten Unistudie in Frage. Das zeigt eine Mail, die SRF gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetzt vorliegt: «leider sehen wir (...) methodische Defizite, die eine valide Datenerhebung und belastbare Schlussfolgerungen nicht zulassen.»
Die Verbände drohen, ihren Mitgliedern von einer Teilnahme an der Befragung abzuraten. Doch weder die zwei externen Forschenden, die die Studie begleiten, noch das BAG sehen gravierende methodische Mängel.
Das BAG reagiert mit «Verwunderung» auf die Drohung der Verbände. Das Gesundheitsamt könne nicht nachvollziehen, warum diese die methodische Qualität und damit Glaubwürdigkeit des Instituts für Hausarztmedizin in Frage stellten. Laut dem BAG ist die Studie nicht zuletzt im Interesse der Ärzteschaft, da sie die administrative Last reduzieren will.
Daten sind von politischem Nutzen
Der Gesundheitsökonom Heinz Locher beschäftigt sich seit Jahren mit der Schweizer Gesundheitspolitik. Der Ärzteverband habe kein Interesse an einer externen Studie: «Die FMH will die Deutungshoheit über die Statistik behalten. Alle Versuche – gerade auch von behördlicher Seite – diese Hoheit zu erringen, werden bekämpft.»
Wer die Deutungshoheit hat, kann definieren, welche Fragen gestellt werden und welche Schlussfolgerungen man zieht. Bislang hat vor allem die FMH den administrativen Aufwand untersucht. Jährlich fragt sie ihre Mitglieder, wie viel Zeit Sie an einem normalen Arbeitstag für administrative Tätigkeiten verwenden und wie viel für die Erfüllung von Behördenvorgaben. Das Resultat: Die Bürokratisierung nimmt zu, mitverantwortlich sind die Behörden.
«Wenn die FMH jetzt diese Interpretationshoheit verliert, hat sie einen Nachteil in der politischen Diskussion,» sagt Locher. FMH-Präsidentin Yvonne Gilli entgegnet: «Wir haben keine Angst vor den Resultaten.» Sie seien vom BAG eingeladen worden, ihre Kritik an der Studie einzubringen, das hätten sie getan. «Die Studie ist dadurch besser geworden,» sagt Gilli.
Die zwei externen Forschenden bestätigen, dass die Studie durch die Einwände geschärft wurde. Jedoch hätte die Studie auch ohne diese Anpassungen gute Resultate geliefert.
Die Anpassungen waren der Preis, damit die FMH einlenkt und der Studie zustimmt. Allerdings verweist sie in einer Mail darauf, dass ihr wiederholt mündlich zugesichert worden sei, dass die Ergebnisse «einvernehmlich und gemeinsam» kommuniziert würden.
Heinz Locher geht das klar zu weit, das geforderte Mitspracherecht würde die Unabhängigkeit der Studie gefährden.
Gilli sagt, die FMH könne und wolle die Resultate nicht beeinflussen: «Wir haben nicht die Hoheit, die Resultate zu manipulieren.» Das BAG sagt, das Know-how der Akteure soll einfliessen, aber die Ergebnisse dürften sie lediglich kommentieren.
Im Mai wird die Erhebung starten, Resultate sind erst 2027 zu erwarten.