Bremst der Krieg die Weltwirtschaft? Das Risiko besteht. Wenn der Ölpreis dauerhaft steigt, sind «Schockwirkungen auf die Weltwirtschaft» unvermeidlich, sagt Hans Gersbach, Co-Direktor des Konjunktur-Forschungsinstituts der ETH Zürich. Das sei aber nicht das wahrscheinlichste Szenario. Hinzu kommt, was UBS-Ökonomen heute hervorheben: Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit in einer robusten Verfassung, auch weil die USA, Deutschland und Japan die Wirtschaft mit viel Steuergeld ankurbeln. Und: Weil die Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren ihre Abhängigkeit vom Öl (und auch vom Gas) deutlich reduziert hat, sind die Auswirkungen nicht vergleichbar mit etwa jenen in der Ölkrise 1973.
Wie stark hat diese Abhängigkeit vom Öl abgenommen? Heute braucht es weniger als ein halbes Fass Öl, um 1000 Dollar Wirtschaftsleistung zu produzieren. 1973 war es noch ein ganzes Fass, wie ein Bericht der Columbia University zeigt. Für etwas Entspannung sorgt in der aktuellen Situation auch, dass seit Mitte 2025 mehr Öl produziert als konsumiert wird. «Man hat quasi einen Puffer aufgebaut», sagt Norbert Rücker, Energie-Experte bei Julius Bär. Und die Nachfrage nach Öl wächst auch nicht mehr gleich stark wie früher, unter anderem weil China die Elektromobilität rasant ausgebaut hat.
Wie sind die Auswirkungen auf die Schweiz? Hans Gersbach hat zwei Szenarien berechnet. Würde sich der Ölpreis dauerhaft bei 90 Dollar pro Barrel festsetzen (aktuell liegt er etwas darüber), verliert die Schweizer Wirtschaftsleistung 0.2 bis 0.4 Prozentpunkte pro Jahr, und das über zwei Jahre. Das entspricht einem durchschnittlichen Einkommensverlust pro Person und Jahr von rund 200 bis knapp 400 Franken. Bei einem dauerhaften Ölpreis über 105 Dollar wären diese Einkommensverluste deutlich höher: knapp 500 bis rund 750 Franken. Die Wirtschaft würde in diesem Fall kaum mehr wachsen. «Das wäre etwas stärker spürbar für die Gesamtwirtschaft als die US-Zölle von 39 Prozent auf die Branchen im August 2025», sagt Gersbach.
Die ganz grossen geopolitischen Risiken sind kleiner geworden.
Wie fällt der Vergleich mit Corona aus? 2020 ging das globale BIP um über drei Prozent zurück, das Schweizer BIP um über zwei Prozent. Also deutlich stärker als in den aktuellen KOF-Szenarien zum steigenden Ölpreis. A propos Corona: Trotz den Erfahrungen von damals sind die Lieferketten nach wie vor sehr verletzlich. Zwar hätten sie sich im Medtech- und im Medikamentenbereich im Nachgang zur Pandemie verändert, Unternehmen suchten mehr Lieferanten in «befreundeten» Staaten. «Aber nicht im grossen Stil», schränkt Gersbach ein. «Die Lieferketten sind nach wie vor sehr anfällig für grosse Störungen.»
Steigen die geopolitischen Risiken weiter? Nicht unbedingt. Zwar hat die Zahl der Androhung von Handelsverboten, Sanktionen etc. laut Gersbach zugenommen. Aber: «Die ganz grossen geopolitischen Risiken sind kleiner geworden.» Dazu zählt er einerseits die rasche Entkoppelung des Handels zwischen den USA und China, andererseits Handelskriege der Amerikaner mit der EU und China. Beides war befürchtet worden, beides hat bislang nicht stattgefunden, und die Eintrittswahrscheinlichkeit ist laut Gersbach derzeit klein. «Das ist für die Weltwirtschaft, auch für die Schweiz, sehr günstig.»