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Fusion im Gesundheitswesen Die grösste Übernahme in der Pflegeheimbranche droht zu platzen

Rechtsstreit um Pflegeheimkette: Die Besitzerin von Senevita will die Pflegeheime nun doch behalten – Tertianum protestiert und zieht vor Gericht. Die Hintergründe.

Das ist neu: Eigentlich schien die Hochzeit perfekt. Der Schweizer Pflegeheimriese Tertianum soll die Nummer zwei Senevita übernehmen, daraus entsteht ein Milliardenkonzern im Betreuungsbusiness. Der Vertrag war unterschrieben, die Wettbewerbskommission einverstanden. Doch nun möchte die Besitzerin von Senevita, der französische Gesundheitskonzern Emeis, Senevita doch nicht verkaufen. Grund dafür sei ein Strategiewechsel, wie Emeis am Mittwoch kommuniziert hat. Ein unübliches Vorgehen.

Die Käuferin ist wenig erfreut: Tertianum reagierte am Donnerstag überrascht: Der grösste Schweizer Pflegekonzern besteht darauf, Senevita zu übernehmen. Bereits die Verzögerung der Übernahme verletze den Vertrag. Tertianum hat rechtliche Schritte eingeleitet. Für Tertianum steht viel auf dem Spiel: Mit der Übernahme würde Tertianum stark wachsen, was das erklärte Ziel des Unternehmens und dessen Eigentümerin Capvis ist. Capvis ist eine private Beteiligungsgesellschaft aus Baar. Solche Firmen kaufen in der Regel Firmen auf, beraten sie, machen sie grösser und verkaufen sie – wenn alles gut läuft – mit Gewinn wieder weiter.

Der Gesundheitskonzern Emeis (bis 2024 Orpea)

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Der französische Konzern Emeis beschäftigt fast 83'500 Mitarbeitende in zwanzig Ländern und ist damit zumindest in Europa der grösste Pflegeanbieter. Neben Pflegeheimen, Wohnungen mit Betreuung und Betreuung/Pflege zu Hause betreibt Emeis auch psychiatrische Kliniken, Reha-Kliniken und Privatkliniken. Insgesamt betreut und pflegen die Mitarbeitenden jährlich fast 280'000 Personen.

Emeis hiess bis 2024 Orpea, zum Namenswechsel kam es wohl auch, weil Orpea 2022 in Verruf geraten war. Der Journalist Victor Castanet hat damals ein Buch zu den Missständen bei Orpea veröffentlicht. Offenbar haben Budgetkürzungen und chronischer Personalmangel dazu geführt, dass Heimbewohner und -bewohnerinnen vernachlässigt wurden. So wurden zum Beispiel Essen und Hygieneartikel rationiert. Dazu kamen gravierende Managementfehler und missbräuchliche Verwendung öffentlicher Mittel.

In Frankreich geriet Orpea deswegen stark in Verruf. An der Börse verlor seine Aktie fast den gesamten Wert (-99.8%) und hat sich seither nicht mehr erholt. Auch darum geriet der Konzern ab 2022 in eine wirtschaftliche Schieflage.

2023 wurde Orpea schliesslich von einer Investorengruppe unter Führung der staatlich französischen Beteiligungsgesellschaft Caisse des Depots aufgefangen. Seither hat der Konzern verschiedenste Beteiligungen und Immobilien verkauft.

Der Deal: Im Dezember verkündeten die beiden Konzerne die geplante Übernahme. Emeis habe Senevita für 250 Millionen Franken verkauft, den grössten Teil der Firma an Tertianum, einige Immobilien an zwei Immobiliengesellschaften. Senevita hat im letzten Jahr 350 Millionen Franken umgesetzt, Tertianum 750 Millionen, insgesamt wird das neue Unternehmen also rund 1.1 Milliarden Franken umsetzen. Tertianum würde 40 Standorte dazugewinnen und damit mit 11'000 Mitarbeitenden über 6400 Pflegebetten und über 4400 Wohnungen mit Dienstleistungen betreiben.

So verdient man in der Branche Geld: 

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Die Pflege ist in der Schweiz streng reguliert, da lässt sich nicht viel Geld verdienen. Weniger stark reguliert sind dagegen die Betreuung und die Hotellerie. Grundsätzlich gilt: Je luxuriöser das Angebot, desto höher die Marge.

Lukrativ sind aber vor allem Wohnungen mit Dienstleistungen. Das sind altersgerechte Wohnungen, meist neben einem Pflegeheim gebaut. Davon bietet Tertianum rund 2700, Senevita rund 1700 Wohnungen. Die Mieter und Mieterinnen bezahlen nicht nur die Wohnung, sondern für ein ganzes Paket. Oft sind Reinigung, Mittagessen und der Zugang zu Betreuung und Pflege inklusive.

Mehrere Heime und Wohnungen aus einer Hand zu betreiben, ist attraktiv. Lukas Stäger, CEO von Tertianum, sagte im Dezember 2025: «Der Zusammenschluss ermöglicht zahlreiche Synergien.» Wie in anderen Branchen auch lohnt es sich, zusammen einzukaufen, eine gemeinsame IT und Buchhaltung zu betreiben.

Warum der Gesinnungswandel? Emeis schreibt lediglich, dass der Verkauf nicht mehr im Interesse des Unternehmens sei. Eine zumindest für die Schweiz äusserst unübliche Begründung für einen Ausstieg aus einem Kaufvertrag. Ein möglicher Grund für die neue Haltung ist der Wechsel an der Spitze des Konzerns: Der frühere französische Sozialminister Olivier Dussopt wird neuer Verwaltungsratspräsident. Vermutlich sieht er mehr Potenzial im Schweizer Pflege- und Betreuungsgeschäft als sein Vorgänger. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass es Emeis finanziell viel besser geht als noch vor einem Jahr: Der Umsatz und der Gewinn sind gestiegen und die Verschuldung zurückgegangen. Damit werden Verkäufe zur Sanierung des Konzerns weniger dringlich und damit die Marge von Senevita (vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) um die sechs Prozent wieder attraktiv genug.

Pflegerin hilft älterer Person mit Rollator in Flur.
Legende: Bei der von Tertianum geplanten Übernahme der Senevita-Gruppe gibt es unerwartete Widerstände. KEYSTONE/Christian Beutler

So geht es jetzt weiter: Vermutlich kommt es jetzt zu einem längeren Tauziehen zwischen Emeis und Tertianum. Denn auch wenn keine Details des Vertrags bekannt sind, können solche Kaufverträge normalerweise nicht ohne Folgen aufgelöst werden. Mit gutem Grund: Die Vorbereitung einer solchen Übernahme kostet viel Geld, der Bruch ist zudem ein Reputationsschaden für beide. Tertianum spricht von einem Vertragsbruch und behält sich weitere rechtliche Schritte vor. Bislang hat Tertianum vom Handelsgericht des Kantons Zürich eine superprovisorische Verfügung gegen Emeis erlangt. Üblicherweise soll eine solche Verfügung verhindern, dass die alte Besitzerin die Gesellschaft während eines laufenden Rechtsstreits zu stark verändert.

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SRF 4 News, 9.4.2026, 10 Uhr;liea

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