Das ist neu: Eigentlich schien die Hochzeit perfekt. Der Schweizer Pflegeheimriese Tertianum soll die Nummer zwei Senevita übernehmen, daraus entsteht ein Milliardenkonzern im Betreuungsbusiness. Der Vertrag war unterschrieben, die Wettbewerbskommission einverstanden. Doch nun möchte die Besitzerin von Senevita, der französische Gesundheitskonzern Emeis, Senevita doch nicht verkaufen. Grund dafür sei ein Strategiewechsel, wie Emeis am Mittwoch kommuniziert hat. Ein unübliches Vorgehen.
Die Käuferin ist wenig erfreut: Tertianum reagierte am Donnerstag überrascht: Der grösste Schweizer Pflegekonzern besteht darauf, Senevita zu übernehmen. Bereits die Verzögerung der Übernahme verletze den Vertrag. Tertianum hat rechtliche Schritte eingeleitet. Für Tertianum steht viel auf dem Spiel: Mit der Übernahme würde Tertianum stark wachsen, was das erklärte Ziel des Unternehmens und dessen Eigentümerin Capvis ist. Capvis ist eine private Beteiligungsgesellschaft aus Baar. Solche Firmen kaufen in der Regel Firmen auf, beraten sie, machen sie grösser und verkaufen sie – wenn alles gut läuft – mit Gewinn wieder weiter.
Der Deal: Im Dezember verkündeten die beiden Konzerne die geplante Übernahme. Emeis habe Senevita für 250 Millionen Franken verkauft, den grössten Teil der Firma an Tertianum, einige Immobilien an zwei Immobiliengesellschaften. Senevita hat im letzten Jahr 350 Millionen Franken umgesetzt, Tertianum 750 Millionen, insgesamt wird das neue Unternehmen also rund 1.1 Milliarden Franken umsetzen. Tertianum würde 40 Standorte dazugewinnen und damit mit 11'000 Mitarbeitenden über 6400 Pflegebetten und über 4400 Wohnungen mit Dienstleistungen betreiben.
Warum der Gesinnungswandel? Emeis schreibt lediglich, dass der Verkauf nicht mehr im Interesse des Unternehmens sei. Eine zumindest für die Schweiz äusserst unübliche Begründung für einen Ausstieg aus einem Kaufvertrag. Ein möglicher Grund für die neue Haltung ist der Wechsel an der Spitze des Konzerns: Der frühere französische Sozialminister Olivier Dussopt wird neuer Verwaltungsratspräsident. Vermutlich sieht er mehr Potenzial im Schweizer Pflege- und Betreuungsgeschäft als sein Vorgänger. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass es Emeis finanziell viel besser geht als noch vor einem Jahr: Der Umsatz und der Gewinn sind gestiegen und die Verschuldung zurückgegangen. Damit werden Verkäufe zur Sanierung des Konzerns weniger dringlich und damit die Marge von Senevita (vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) um die sechs Prozent wieder attraktiv genug.
So geht es jetzt weiter: Vermutlich kommt es jetzt zu einem längeren Tauziehen zwischen Emeis und Tertianum. Denn auch wenn keine Details des Vertrags bekannt sind, können solche Kaufverträge normalerweise nicht ohne Folgen aufgelöst werden. Mit gutem Grund: Die Vorbereitung einer solchen Übernahme kostet viel Geld, der Bruch ist zudem ein Reputationsschaden für beide. Tertianum spricht von einem Vertragsbruch und behält sich weitere rechtliche Schritte vor. Bislang hat Tertianum vom Handelsgericht des Kantons Zürich eine superprovisorische Verfügung gegen Emeis erlangt. Üblicherweise soll eine solche Verfügung verhindern, dass die alte Besitzerin die Gesellschaft während eines laufenden Rechtsstreits zu stark verändert.