Grosskonzerne pensionieren ihre Angestellten meist frühzeitig

Der Fachkräftemangel scheint die Schweizer Grosskonzerne nicht zu kümmern. Ältere Arbeitnehmende werden in der Regel frühzeitig pensioniert, Lernende nur unterdurchschnittlich viele angestellt. Dafür setzen die Konzerne unvermindert auf Ausländer. Das ergibt die Umfrage der SRF-Wirtschaftsredaktion.

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Fokus: Frühpensionierungen bei Grosskonzernen

5:08 min, aus 10vor10 vom 29.3.2016

Wie genau die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt wird, ist immer noch unklar. Klar hingegen ist, dass künftig weniger ausländische Arbeitskräfte in die Schweiz kommen dürfen. Doch ausgerechnet die SMI-Konzerne, die 20 grössten börsenkotierten Unternehmen der Schweiz, scheint dies nicht zu kümmern.

Sie schicken ihre Angestellten frühzeitig in Pension und schöpfen deren Potenzial nicht aus. Zudem stellen sie Lernende nur unterdurchschnittlich oft an. Gleichzeitig ist Ausländer-Anteil in der Schweiz unvermindert hoch und hat bei mehreren Konzernen gar zugenommen. Das zeigt die Umfrage, welche die SRF-Wirtschaftsredaktion durchgeführt hat.

Erstaunlich ist das Umfrageergebnis zu den Frühpensionierungen. Im Vergleich zum Vorjahr haben einige Konzerne die entsprechende Quote 2015 sogar noch erhöht. So hat der Rückversicherer Swiss Re letztes Jahr 100 Prozent ihrer Angestellten frühzeitig in Rente geschickt und damit alle, die sich pensionieren liessen. Im Vorjahr waren es auch bereits 90 Prozent. Dies geschehe auf Wunsch der Mitarbeitenden, erklärt Swiss Re. So seien etwa die Pensionspläne grosszügig.

Ähnlich argumentieren die anderen Konzerne. Bei praktisch allen erfolgen die Pensionierungen grossmehrheitlich frühzeitig. Zum Vergleich: Über alle Firmen gesehen liegt der Anteil der Frühpensionierungen in der Schweiz bei 30 Prozent. Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, und Personalexpertin Martina Zölch sind sich einig: Das Arbeiten bis zum regulären Pensionsalter müssten die Konzerne bewusst attraktiv machen.

«  Junge müssen den Wert der Älteren erkennen und zu ihnen Sorge tragen.  »

Daniel Lampart
Chefökonom Gewerkschaftsbund

Die Firmen müssten den älteren Arbeitnehmenden zum Beispiel mehr Wertschätzung schenken und neue oder angepasste Herausforderungen schaffen, damit es sich für sie lohne, sich nicht frühzeitig pensionieren zu lassen.

Auch bei der Lernendenquote können sich viele der SMI-Unternehmen nicht profilieren. Laut Ökonom Rudolf Strahm sollte eine Firma sechs Lehrstellen pro 100 Vollzeitbeschäftigte anbieten. Diese Quote von 6 Prozent erfüllt einzig ABB, wobei sich der Industriekonzern gegenüber 2014 noch leicht gesteigert hat. Andere Konzerne haben ihre Lernendenquote verschlechtert. Allerdings sind die minimen Schwankungen wenig aussagekräftig. Klar aber ist nur: Viele Konzerne könnten künftig sicher mehr machen.

Eine weitere Möglichkeit, wie sich die Firmen gegen den zunehmenden Fachkräftemangel besser wappnen können: Der Einsatz von mehr Frauen. Dazu müssen aber vor allem attraktive Rahmenbedingungen geschaffen werden, etwa die Möglichkeit eines Teilzeitpensums bei bestehender Familie. Die SMI-Konzerne nutzen das Frauen-Potenzial aber noch unterschiedlich stark. Und den Frauenanteil deutlich erhöhen konnten sie im vergangenen Jahr nicht.

Fazit: Der drohende Fachkräftemangel scheint die SMI-Firmen derzeit noch nicht zu beunruhigen – das zumindest zeigt die SRF-Umfrage. Klar jedenfalls ist: Die Konzerne könnten das Inländerpotenzial sicher noch besser nutzen.

Mitarbeit: Tobias Bossard, Stefanie Pauli, Flavio Reinarz