Ist-Zustand: Ehepaare werden als Einheit besteuert, die Einkommen zusammengezählt. Wegen der Steuerprogression kommt dies Ehepaare teils teurer zu stehen, als wenn die Partner ihre Einkommen einzeln versteuern würden. Deshalb stecken Frauen oft zurück im Job: Warum ein zusätzliches Einkommen, wenn die Steuer einen Grossteil davon auffrisst? Insbesondere, wenn Kinder da sind, deren Betreuung organisiert und bezahlt werden muss, lohnt sich der Zweitverdienst oft nicht.
Erwartung der Ja-Seite: Fällt die steuerliche Benachteiligung weg, würden Ehefrauen und Mütter vermehrt erwerbstätig oder zumindest ihre Pensen erhöhen. Ob dem tatsächlich so ist, weiss niemand. Aber es gibt mehrere Studien und Schätzungen dazu: Sie reichen von 12'000 bis 20'000 Vollzeitstellen, die durch den Systemwechsel auf Bundesebene zusätzlich besetzt werden könnten.
Studien: Die aktuellste Analyse (IWP, Brandt, 2025) kommt auf 16'000 zusätzliche Vollzeitstellen. Die Zahl setzt sich zusammen aus 15'000 Personen, die neu eine Erwerbstätigkeit aufnehmen würden, sowie höheren Pensen bei Personen, die bislang Teilzeit gearbeitet haben. Die anderen Analysen wurden im Auftrag der Initianten (Ecoplan, 2019) sowie des Bundes (EFD, 2022) erstellt. Alle verorten den grössten Teil der Ausweitung bei den Frauen. Denn sie sind im Vergleich seltener erwerbstätig und arbeiten in tieferen Pensen.
Entscheidende Annahme: Bei einer Steuerentlastung muss man für das gleiche Einkommen eigentlich weniger arbeiten. Die ökonomische Forschung erwartet, dass die Betroffenen ihr Verhalten deshalb anpassen: Sie legen im Job noch eine Schippe zu und arbeiten mehr, um mehr Geld zu verdienen. Denn mit tieferen Steuern bleibt mehr im Portemonnaie. Wie stark dieser Effekt ist, wird geschätzt. Deshalb sind die Zahlen auch nicht deckungsgleich. Vielmehr geht es um Grössenordnungen – und die sind bei allen Studien vergleichbar.
Geld oder Zeit? Wer für gleich viel Geld weniger arbeiten muss, könnte sich allerdings auch für mehr Zeit statt für mehr Geld entscheiden – beispielsweise für mehr Freizeit oder für Betreuungsaufgaben – sofern das Geld reicht. Alle Studien kommen zum Schluss, dass Steuersenkungen tendenziell dazu führen, dass die Leute tatsächlich mehr arbeiten. Offen ist, ob das im gleichen Ausmass auch in Zukunft gilt. Denn die Entwicklungen der letzten Jahre weisen eher in eine andere Richtung.
Erwerbspotenzial ausgeschöpft? Die Erwerbsbeteiligung der Frauen ist in der Schweiz mit über 80 Prozent bereits hoch. Auch die Löhne sind im internationalen Vergleich hoch. Was es vielen ermöglicht, mehr Zeit zu wählen statt mehr Geld. Der allgemeine Teilzeittrend zeigt das deutlich.
Genügend passende Stellen? Die Frauen, die gemäss Studien in den Arbeitsmarkt drängen, müssen auch passende Stellen finden. Was abhängig ist von den Qualifikationen, den Unternehmen und der allgemeinen Wirtschaftslage.
Wie gross ist der Effekt? Tatsächlich dürfte eine Individualbesteuerung auf Bundesebene mehr Frauen in den Arbeitsmarkt bringen. Offen ist, wie viele genau. 10'000 bis 20'000 zusätzlich besetzte Stellen bei total rund 4.5 Millionen Stellen. Das wäre bemerkenswert, wohl aber keine fundamentale Änderung des Arbeitsmarktes.