An der Tankstelle sind es bisher nur ein paar Rappen pro Liter mehr. Doch je länger der Krieg im Nahen Osten dauert, desto grösser und nachhaltiger könnten die Folgen für die Wirtschaft werden. Wirtschaftsredaktor Manuel Rentsch beantwortet die wichtigsten Fragen – und erklärt, was das für das Portemonnaie in der Schweiz bedeutet.
Was sind die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses Krieges für die Schweiz?
Die Schweiz spürt zunächst einen Preisschock. Am deutlichsten zeigt sich das beim Heizöl: Seit Freitag ist es innert kurzer Zeit um rund 25 Prozent teurer geworden. Auch die Erdgaspreise sind stark gestiegen. Schliesslich werden auch Benzin und Diesel teurer. Die effektiven Preise für Kundinnen und Kunden sind von Tankstelle zu Tankstelle unterschiedlich.
Wie steht es um den Frachtverkehr, der auf die Schifffahrtsroute durchs Rote Meer und den Suezkanal angewiesen ist?
Der Frachtverkehr durch den Suezkanal ist durch den Krieg unter Druck. Der Kanal ist zwar offen und derzeit funktionsfähig. Viele grosse Reedereien meiden die Route aber wegen des Konflikts und leiten Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung um. Das Verkehrsaufkommen liegt deutlich unter dem Normalniveau. Gleichzeitig steigt mit der Eskalation das Risiko von Angriffen durch die Huthi-Rebellen. Entsprechend sind die Frachtkosten markant gestiegen.
Was heisst dieser neue Konflikt für die Rüstungsindustrie?
Die Rüstungsindustrie profitiert bereits von der geopolitischen Lage, vor allem seit dem Krieg in der Ukraine. Viele Unternehmen sind stark ausgelastet. Zwei Beispiele: BAE Systems aus Grossbritannien weist Bestellungen und Aufträge im Wert von umgerechnet rund 90 Milliarden Franken aus; bei Rheinmetall sind es rund 60 Milliarden Franken. Ein zusätzlicher Konfliktherd dürfte die Nachfrage nach Rüstungsgütern weiter erhöhen. Besonders stark profitieren könnte die US-Industrie, wo viele der grössten Firmen der Branche sitzen.
Wie wirkt sich der Krieg auf Tourismusdestinationen in der Golfregion aus?
Für den Tourismus in der Golfregion sind die Angriffe ein harter Dämpfer. Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar, wo vor vier Jahren die Fussball-WM ausgetragen wurde, haben enorme Summen in diesen Wirtschaftszweig investiert. Nun erreicht der Krieg auch sie. Kurzfristig wurden im Nahen Osten mindestens 11'000 Flüge gestrichen; schätzungsweise 1.5 Millionen Passagiere sind betroffen. Mittelfristig könnten die Einbussen beim Tourismus beträchtlich sein.
Welche langfristigen Folgen könnte dieser Krieg für die Wirtschaft haben?
Ein zentrales Problem ist die wachsende Unsicherheit. Ukrainekrieg, Zollstreit mit den USA und nun der Krieg im Nahen Osten: Solche Krisen schwächen die Weltwirtschaft. Entscheidend wird sein, wie lange der Krieg dauert – und wie lange die Energiepreise hoch bleiben. Die Folgen dürften regional unterschiedlich ausfallen. Belastet wird voraussichtlich der asiatische Raum, der bei Energielieferungen stark von den Golfstaaten abhängt. Europa zahlt seit dem Ukrainekrieg bereits hohe Energiepreise; wie stark der Konflikt die europäische Industrie zusätzlich trifft, ist offen. Die USA könnten als Energieproduzent eher zu den wirtschaftlichen Gewinnern gehören.