Ende letzter Woche ist in einigen grossen Ländern der Patentschutz für den Wirkstoff Semaglutid abgelaufen. Dieser steckt in den bekannten Abnehmspritzen Ozempic und Wegovy. Der Weg für Generika – also Nachahmerprodukte, die den gleichen Wirkstoff enthalten – ist nun frei. Indien ist nicht nur ein wichtiger Markt für solche Medikamente, sondern auch ein bedeutender Produktionsstandort. Südasien-Korrespondentin Maren Peters schätzt ein, was das für das bevölkerungsreichste Land der Welt bedeutet.
Ist das der Anfang eines Abnehmspritzen-Hypes in Indien?
Das könnte gut sein. Indien hat schon jetzt eine der höchsten Zahlen stark übergewichtiger Menschen weltweit. Schätzungen gehen davon aus, dass es bis 2050 rund 450 Millionen sein könnten. Das wäre rund ein Drittel der jetzigen Bevölkerung. Gleichzeitig wandelt sich das Schönheitsideal: Früher galt ein Kugelbauch in Indien als Zeichen des Wohlstands. Heute gilt es als schön, wenn man schlank ist – wie viele Bollywood-Stars. Das wandelt sich auch, weil Studien klare Zusammenhänge zwischen Bauchfett und Krankheiten wie Diabetes Typ 2 oder Herzproblemen zeigen. Entsprechend gross dürfte die Nachfrage sein. Analysten sprechen bereits von einem «Magic-Pill-Moment».
Wie stark könnten die Preise durch Generika sinken?
Sehr deutlich. Erste indische Pharmaunternehmen haben schon am Wochenende billige Nachahmerprodukte lanciert. Diese Abnehmspritzen kosten umgerechnet zwischen 15 und 35 Franken pro Monat. Das ist etwa halb so viel wie bisher in Indien. Mit wachsender Konkurrenz dürfte der Preis weiter sinken. Die Produkte kosten deutlich weniger als in der Schweiz. Hier kostet zum Beispiel Ozempic, eine patentierte Original-Abnehmspritze, über 100 Franken im Monat.
Besteht die Gefahr von Missbrauch?
Der indische Pharmamarkt ist nicht stark reguliert. Auch rezeptpflichtige Mittel sind ohne Rezept und ärztliche Begleitung ziemlich leicht erhältlich, etwa über Online-Apotheken. Darum gibt es erhebliches Missbrauchspotenzial und das Risiko von falscher Anwendung.
Kommen günstige Generika aus Indien bald auch in die Schweiz?
Privatpersonen können diese Generika-Spritzen schon jetzt in Indien einkaufen und mit in die Schweiz nehmen, allerdings nur für den Eigenbedarf und nur für einen Monat. Die Schweizer Arzneimittelbehörde Swissmedic hat bereits vor Bestellungen aus dem Ausland gewarnt. Gerade bei Online-Bestellungen besteht das Risiko von Fälschungen oder qualitativ unzureichenden Präparaten. In Indien gibt es immer wieder Pharmaskandale wegen gepanschter Medikamente. Der Anreiz, bei der Qualität zu schummeln, dürfte umso grösser sein, je grösser der Markt ist.