Das ist passiert: Die Rechtsschutzversicherung Axa-Arag berichtet von deutlich mehr Konflikten am Arbeitsplatz. Demnach haben gemeldete Fälle von Verletzungen der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent zugenommen. Bei «missbräuchlichen Kündigungen» beträgt die Fall-Zunahme 26 Prozent. Fälle zu Arbeitszeugnissen wurden 14 Prozent öfter behandelt. Auch bei anderen Versicherungen sind arbeitsrechtliche Fälle in den letzten Jahren gestiegen: bei Dextra um jährlich rund sechs Prozent.
Das könnten Gründe sein: Der erhöhte Spardruck bei den Firmen schlage sich in den Fallzahlen der Versicherungen nieder, sagt Axa-Rechtsanwältin Alina Totoescu. Mitarbeitende fühlten sich heute stärker unter Druck. «Es braucht oft nicht sehr viel, bis ein Konflikt entsteht.» Claudia Stam, Geschäftsführerin der privaten «Fachstelle Mobbing und Belästigung», präzisiert das erhöhte Spannungsverhältnis. Für Vorgesetzte sei der Umgang mit Mitarbeitenden schwieriger geworden: «Denken wir an die Homeoffice-Regelungen oder an die mobile Arbeitsweise.» Das führe zu erhöhtem Konfliktpotenzial und einer Überforderung bei Firmen, Mitarbeitende so zu führen, wie diese es erwarteten. Axa-Arag-Rechtsanwältin Alina Totoescu geht auch davon aus, dass die Zunahme der Fälle vor allem an der mangelnden Gesprächsbereitschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer liegt: «Das gegenseitige Vertrauen fehlt oft», so Totoescu.
Diese Rolle spielen die Gerichte: Roger Rudolph, Arbeitsrechtsprofessor an der Universität Zürich, sieht einen weiteren Grund bei der Rechtsprechung. Gerichte legten Konflikte heute häufiger als Verletzung einer Fürsorgepflicht aus als früher – etwa bei der Entlassung von älteren Mitarbeitenden.
Das sagt der Arbeitgeberverband: Rückmeldungen aus den Unternehmen zeigen laut dem Arbeitgeberverband tatsächlich, dass öfter als früher Rechtsschutzversicherungen eingeschaltet werden. Für Daniella Lützelschwab, Leiterin Ressort Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht beim Arbeitgeberverband, heisst das aber noch längst nicht, dass Firmen tatsächlich ihre Fürsorgepflicht verletzten: «Wahrscheinlich gehen mit der Versicherung im Rücken viele davon aus, ein besseres Ergebnis herauszuholen», so Lützelschwab. Firmen nähmen jedoch die einzelnen Fälle immer ernst und suchten das Gespräch.
So entwickeln sich die Prämien: Dass an der These des Arbeitgeberverbands etwas dran sein könnte, zeigt der Blick auf die Entwicklung der Prämien für Rechtsschutzversicherungen. Eine Auswertung des Vergleichsdienstes Moneyland für SRF zeigt: Es gab zuletzt keine allzu grossen Preisanpassungen. Im kombinierten Durchschnitt aller Versicherungen sind die Prämien zwischen 2021 und 2025 lediglich um 4.5 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Hausratversicherungen sind 20 Prozent teurer geworden.