Was hat die Waffenruhe bewirkt? Mit der Waffenruhe heute fuhren Berichten zufolge bereits wieder erste Frachtschiffe durch die Strasse von Hormus. Gleichzeitig berichten iranische Medien von gestoppten Öltankern – die Lage bleibt unübersichtlich.
Warum geht nichts ohne Hormus? Der Persische Golf ist von ölreichen Ländern umgeben, und der Transport aufs offene Meer führt durch die Meerenge von Hormus. Laut Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist dies die preisgünstigste Route. Und: «Die Länder sind zerstritten, teilweise auch in kriegerischen Auseinandersetzungen. Das heisst, da bietet sich die Schiffsroute an.» Der Landweg kommt kaum infrage.
Welche Alternativen gibt es? Bisher gibt es nur eine nennenswerte Alternative zu Hormus: die Ost-West-Pipeline durch Saudi-Arabien. Das Königreich reagierte bereits in den 1980er-Jahren auf den damaligen «Tankerkrieg», in welchem der Irak und der Iran Hunderte Frachter angriffen. Die Pipeline endet im Hafen Yanbu am Roten Meer. Ihre Kapazität ist begrenzt: Sie kann 8 Millionen Barrel Öl pro Tag transportieren. Durch die Strasse von Hormus gelangen üblicherweise 20 Millionen Barrel. Die Pipeline soll allerdings am 8. April durch einen iranischen Drohnenangriff beschädigt worden sein. Das berichten Reuters und die «Financial Times».
Welche neuen Transportwege gäbe es?
- Diskutiert wird unter anderem eine Öl- und Gaspipeline von den irakischen Feldern über Jordanien ans Rote Meer.
- Im Gespräch ist auch ein Weg von Indien über Israel (Haifa) bis in den Hafen von Piraeus in Griechenland. Der India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC) ist wegen des Gaza-Krieges sistiert worden, könnte aber wieder aufleben.
- Auch die Türkei könnte künftig eine zentrale Rolle spielen: Vom irakischen Hafen bei Al-Faw, der sich noch im Bau befindet, könnte ein 1200 Kilometer langer Schienen-Korridor die komplette Türkei durchqueren bis nach Bulgarien.
- Seit Jahren kursiert zudem die Idee eines Kanals nahe der Meerenge von Hormus, der sich iranischem Einfluss entziehen würde. Er müsste durch das bis zu 650 Meter hohe Hajar‑Gebirge auf der omanischen Halbinsel Musandam führen. 32 Kilometer lang, 25 Meter tief, 300 Meter breit.
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Bild 1 von 2. Schiffskanal durch die Vereinigten Arabischen Emirate und den Oman statt Meerenge von Hormus: Diese Idee kursiert seit Jahren. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Durch den Hormus-Bypass-Kanal könnten grosse Öltanker direkt vom Persischen Golf in den Golf von Oman fahren – falls er einst realisiert wird. Bildquelle: SRF.
Wie realistisch sind die Projekte? An den meisten Alternativrouten wären mehrere Länder beteiligt – schwer vorstellbar, dass sie in Kriegszeiten vereint zusammenarbeiten. Claudia Kemfert sagt zudem, derartige Projekte bräuchten Jahre. «Man kann es sicherlich beschleunigen aufgrund der Knappheitssituation, aufgrund der drängenden Lage. Aber ob dies tatsächlich in der Kürze der Zeit überhaupt Alternativen sein können, ist im höchsten Masse fraglich und auch unsicher.» Sie sieht in den Gedankenspielen eine «gewisse Reaktion der Hilflosigkeit», weil die Mengen an Öl und Gas, die abtransportiert werden müssten, sehr gross seien. In naher Zukunft führt also weiterhin fast kein Weg an Hormus vorbei.
Was heisst das für uns? In der aktuellen Lage ist Europa in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Norwegen, die USA und auch etwa Kasachstan versorgen den Kontinent zum grossen Teil mit Öl. Kemfert: «Insofern ist Europa gar nicht unmittelbar so stark von der Route im Nahen Osten abhängig, nur indirekt über die höheren Preise.» Diese allerdings sind deutlich zu spüren. Aus Sicht der Ökonomin spricht alles dafür, die Energiewende jetzt schnell umszusetzen.