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Medikamentenpreise unter Druck Die Preise der Augenspritzen sind dank Pauschalen gesunken

Bei den Medikamenten gibt es neu mehr Wettbewerb. Dadurch sollten auch die Krankenkassenprämien sinken. Eigentlich.

Das ist neu: Seit Anfang Jahr gelten auch in Arztpraxen Pauschalen, zum Beispiel bei den Augenspritzen. Das Medikament wird nicht mehr separat abgerechnet, sondern ist Teil eines fixen Preises pro Behandlung. Die Augenkliniken verdienen wesentlich mehr, wenn sie ein günstigeres Medikament verwenden. Georgos Pallas, Chef der Pallas-Kliniken, sagt: «Das hat erstmals zu Wettbewerb geführt.» Medikamente, deren Preise jahrelang stagniert hätten, könnten seine Kliniken heute deutlich günstiger einkaufen. Zudem sind einige Nachahmerprodukte auf den Markt gekommen.

Die Medikamentenpreise sinken: Eylea von Bayer ist laut Pallas das am meisten gespritzte Medikament. Bis August 2025 hat Eylea noch über 800 Franken gekostet. Seit Anfang des Jahres ist der Fabrikabgabepreis auf 500 Franken gesunken. Aber das sind nur die öffentlichen Preise der Spezialitätenliste des Bundes. Ein Insider berichtet, dass der effektive Preis, den eine Augenklinik aktuell zahlt, weniger als 200 Franken betrage. Und auch die Alternativen von Roche und Sandoz seien deutlich günstiger geworden. Für die Augenkliniken ist das sehr lukrativ: Rund 800 Franken sind in der Pauschale für das Medikament vorgesehen, davon bleiben aktuell 600 Franken für sie übrig.

Augenspritzen: Ein Wachstumsmarkt

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Augenspritzen helfen älteren Menschen mit Netzhauterkrankungen. In der Schweiz wurden 2024 zwischen 230'000 und 250'000 Spritzen verabreicht. Das zeigen Daten des Krankenkassenverbands Prio.swiss. Die Augenkliniken rechneten dafür zwischen 310 und 330 Millionen Franken ab, also rund 1'300 Franken pro Spritze.

Bayer schreibt in einer Stellungnahme: Der Wettbewerb würde auch ohne Pauschalen spielen, der Preis von Eylea 2mg sei vor allem wegen des abgelaufenen Patents gesunken.

Nur: Der Patentschutz von Eylea ist bereits im November 2025 abgelaufen, daraufhin ist der Preis leicht gesunken. Stark gesunken ist der Preis aber auf den 1.1.2026, also als die Pauschalen eingeführt worden sind.

Zudem berichten die Augenkliniken, dass vor allem bei den Rabatten ein starker Wettbewerb eingesetzt habe. Diese effektiv bezahlten Preise kennen nur die Augenkliniken und die Pharma.

Darum ist es wichtig: Die Ausgaben für Medikamente sind in den letzten Jahren stärker gestiegen als andere Gesundheitskosten. Die Pauschalen wirken dem entgegen. Die Recherche zeigt: Sie funktionieren, die Medikamentenmargen schwinden. Es erstaunt daher nicht, dass sich die Pharmaindustrie bis vor Bundesgericht gegen diese Pauschalen wehrt. Aber nicht nur die Pharma, sondern auch der Ärzteverband FMH und der Spitalverband Hplus möchten die Medikamente wieder separat verrechnen. Das zeigen zwei Anträge bei der Tariforganisation OAAT. Die Pauschalen seien betriebswirtschaftlich nicht korrekt. Sprich: Die Augenkliniken verdienen zu viel.

Eine ältere Frau bei der Laseruntersuchung beim Augenarzt oder einer Augenärztin.
Legende: Für die Augenspritzen werden rund 800 Franken vergütet. Wenn die Augenkliniken 200 Franken bezahlen, bleiben ihnen also 600 Franken. IMAGO / YAY Images

Die Pauschalen hinken der Preisentwicklung hinterher: Die Pauschalen basieren auf zwei bis drei Jahre alten Medikamentenpreisen. Die FMH und Hplus fordern darum, dass die Medikamente wieder separat mit den aktuellen Preisen verrechnet werden. Georgos Pallas entgegnet: «Dann ist auch der Wettbewerb wieder weg.» Das mache das System teurer. Er wehrt sich darum zusammen mit elf anderen Augenkliniken in einem Brief an die OAAT. Man müsse die Pauschale senken, nicht die Medikamente wieder ausschliessen. Sonst würde man «einen Präzedenzfall für andere Pauschalen» schaffen.

Das sagt der Gesundheitsökonom: Die Prämienzahlerinnen und -zahler haben bisher noch nicht profitiert. Aktuell verdienen einfach die Augenkliniken mehr und die Pharma weniger. Aber die Pauschalen werden jährlich angepasst. Eine Senkung der Pauschale sei der pragmatischste Weg, sagt Tobias Müller von der Berner Fachhochschule: «So kommen die tieferen Medikamentenpreise bei den Prämienzahlerinnen und -zahlern an.»

Sonderentgelte für innovative Medikamente

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In ihren Anträgen bei der OAAT argumentieren der Ärzte- und der Spitalverband, die Inklusion der Medikamente sei hochproblematisch. Denn gewisse Medikamente würden nicht mehr vergütet, seien aber für einige Patientinnen und Patienten unabdingbar. Sie würden dann an die öffentlichen Spitäler überwiesen, was insgesamt teurer wäre als eine Behandlung in einer Arztpraxis.

Ähnlich argumentiert auch Bayer in einer Stellungnahme: Die Pauschalen förderten den Einsatz von älteren und kostengünstigeren Medikamenten, weil die Augenkliniken so mehr verdienten. Aus Sicht der Pharma ein «Fehlanreiz», weil so neuere innovativere Medikamente seltener zum Einsatz kämen.

Nur: Bei den Augenspritzen deckt die Pauschale aktuell auch die teureren Spritzen der dritten Generation ab. Die Augenpraxen schreiben in ihrem Brief, es gebe keine Qualitätsrisiken. Die Ärztinnen und Ärzte würden weiterhin auf die individuelle Situation der Patienten reagieren.

Neu ist auch nicht zwingend besser. Bei den Augenspritzen der dritten Generation ist umstritten, wie gross der zusätzliche Nutzen für die Patientinnen tatsächlich ist. Bayer schreibt, sie müssten weniger häufig gespritzt werden. Jetzt würden die Augenkliniken auf die älteren Medikamente setzen und häufiger spritzen, um so häufiger abrechnen zu können. Diese Mengenausweitung gehe zu Lasten der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass diese Medikamente zu mehr Nebenwirkungen führen.

Die FMH und Bayer fordern, dass Sonderanträge für die Behandlung mit innovativeren (und teureren) Medikamenten gestellt werden können. Diesen Vorschlag befürworten auch die Augenkliniken.

Diese Möglichkeit gibt es bereits bei den Pauschalen in den Spitälern. Ob diese sinnvoll sind oder nicht, hängt davon ab, wie gross der zusätzliche Nutzen für die Patientinnen ist. Klar ist aber, dass sie zu zusätzlichen Kosten für die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler führen.

So geht es jetzt weiter: Bis Ende April werden der Spital-, der Ärzte- und der Krankenkassenverband die eingereichten Anträge bei der OAAT diskutieren. Die angepassten Tarife müssten danach auch vom Bundesrat abgesegnet werden. Klar ist aber: Über die Zeit werden die Pauschalen den effektiven Kosten angepasst. Wenn die Medikamente in der Pauschale bleiben, bleibt auch der Druck auf deren Preise.

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Rendez-vous, 17.4.2026, 12:30 Uhr; wilh

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