Darum geht es: Die Nichtregierungsorganisation Public Eye übt in einer Studie heftige Kritik an Roche. Der Pharmakonzern halte mit seiner Patentpolitik die Preise für seine Krebsmedikamente künstlich hoch. Public Eye spricht in der Untersuchung von «Evergreening»: Mit dutzenden Nebenpatenten verlängere Roche sein Monopol auf das Brustkrebsmittel Herceptin und drei davon abgeleitete Präparate immer weiter. Dies behindere den Zugang zu günstigeren Generika und belaste die Gesundheitssysteme – auch in der Schweiz.
Was wirft Public Eye Roche genau vor? Dass der Konzern das Mittel Herceptin mit sekundären Patenten schützt, obwohl das Primärpatent – also das auf den Wirkstoff – bereits vor rund zehn Jahren ausgelaufen ist. Das sei Missbrauch, so Public Eye. Tatsächlich hat Roche zahlreiche Sekundärpatente für Herceptin beantragt, etwa für Kombinationen oder neue Verabreichungsformen. Teile der Medikamentenfamilie sind also immer noch geschützt – den Recherchen von Public Eye zufolge bis 2039 in Europa, also insgesamt knapp 50 Jahre. «Roche hat seine Investitionen längst wieder hereingeholt», sagt Patrick Durisch, Pharmaexperte bei Public Eye. «Wie lange sollen die Gesundheitssysteme diese hohen Monopolpreise noch bezahlen?»
Wie funktionieren Patente? Ein Patent ist ein Schutzrecht für eine Erfindung. Es schützt den Inhaber oder die Inhaberin für eine gewisse Zeit davor, dass andere die Erfindung gewerblich nutzen. Bezogen auf die Pharmabranche bedeutet Patentschutz, dass Firmen ihre Innovationen eine Zeit lang zu dem Preis verkaufen können, den sie festlegen, und so ihre Entwicklungskosten refinanzieren können. Für die meisten Staaten, auch die Schweiz, sind die Regeln der Welthandelsorganisation WTO massgeblich, wenn es um geistiges Eigentum geht: Sie sehen vor, dass eine Neuerfindung etwa 20 Jahre vor Wettbewerbern geschützt wird.
Wendet Roche das Patentrecht missbräuchlich an? Patenrechtler Alexander Pfister vom Eidgenössischen Institut für geistiges Eigentum will sich in dieser Frage nicht festlegen, bevor er nicht die einzelnen Patente analysiert hat. Es sei aber sicher kein Missbrauch, zuerst ein Patent für eine chemische Substanz zu erhalten, dann eines für die medizinische Anwendung dieser Substanz, und später noch eines für eine neue Therapieform. «Diese Möglichkeiten sehen die Gesetze weltweit vor, um die Entwicklung neuer Therapien voranzutreiben.» Zudem, erklärt Alexander Pfister, biete das Patentrecht Korrekturmöglichkeiten: Das beginne mit der Patentprüfung, die in Europa und den USA streng sei und auch eine Möglichkeit für Dritte einschliesse, sich gegen ein Patent zu wehren. Wenn das Patent dennoch in Kraft bleibe, könne man es immer noch vor einem Gericht anfechten. «Das Abwehrdispositiv gegen Missbräuche ist also relativ dicht», so Pfister.
Alles in Ordnung also mit den Patentregeln? Kritiker wie Public Eye finden: nein. Auch wenn es rechtliche Wege gebe, gegen sekundäre Patente vorzugehen, seien das faktisch Hürden für mögliche Wettbewerber und damit auch für Innovationen. Public Eye fordert deshalb von den Schweizer Behörden, sich gegen Praktiken wie das «Evergreening» zu wehren. Die Schweiz sei Unterzeichnerin des Europäischen Patentübereinkommens, sagt Pharmaexperte Durisch. «Sie könnte sich dafür einsetzen, dass die Prüfung von sekundären Patenten gründlicher gemacht wird.»