Seit neun Monaten ist Philipp Navratil Chef von Nestlé. Er muss den Konzern wieder auf Kurs bringen, Investoren nach Kursverlusten beruhigen, insgesamt sparen und auf die richtigen zukünftigen Trends in der Lebensmittelbranche setzen. Am Swiss Economic Forum (SEF) zieht Navratil eine erste Bilanz.
SRF News: Sie führten als Chef von Nespresso erfolgreich die wichtige Kaffeesparte von Nestlé. Wie erlebten Sie die ersten Monate als Konzernchef? Ein Wechsel von der Überholspur auf die Kriechspur?
Philipp Navratil: Nein, vielmehr war es, von einer Überholspur auf eine weitere Überholspur zu kommen. Natürlich ist die erste Erfahrung überwältigend, wenn man in diesem Chefsessel sitzt. Dann aber habe ich schnell gemerkt, dass ich das Unternehmen, in dem ich seit 25 Jahren arbeite, schon mehr oder weniger kenne. Ich konnte mich auch auf den Rückhalt eines sehr starken Teams verlassen und mich schnell meinen Aufgaben widmen. Unser Fokus liegt auf Vereinfachung des Unternehmens und auf einem volumengetriebenen Wachstum.
Da wird Sie das Problem mit der verunreinigten Babymilch – auch wenn Sie nicht der einzige betroffene Anbieter waren – auf dem falschen Fuss erwischt haben.
So was darf bei uns nicht passieren, das ist ganz klar. Wir sind ein Nahrungsmittelunternehmen und können bei der Qualität keine Abstriche machen. Ich versuche nun, das Unternehmen wieder auf Wachstumskurs zu bringen.
Wegen der blockierten Strasse von Hormus steigen die Preise und zieht die Inflation an. Nestlé hat wegen Preiserhöhungen Marktanteile verloren. Was machen Sie, um nicht die gleichen Fehler zu machen?
Wir können niemals nicht Innovation betreiben. Wir können niemals nicht in unsere Marken investieren. Und wir können auch nicht einfach die Preise erhöhen, wie wir wollen. Diese drei Dinge, die wir vielleicht in der letzten inflationären Periode nicht so gut gemacht haben, müssen wir verbessern.
Als Chef von Nespresso haben Sie stark auf eine jüngere Klientel gesetzt, auf Social Media und jüngere Werbegesichter wie Dua Lipa. Lässt sich diese Strategie für den gesamten Konzern umsetzen und Social-Media-Kampagnen für Tiefkühlpizza lancieren?
Das sollten wir! Bei Nespresso behalten wir George Clooney, aber Dua Lipa spricht ein anderes Publikum an. Das kann man auch für Tiefkühlpizza machen. Wir müssen digitaler werden, agiler und auch schneller. Wir können nicht warten und sehen, was passiert. Wir müssen einige dieser Trends antreiben.
Eine Marke kann nur überleben, wenn sie dauernd verjüngt wird.
Das heisst: Nestlé wird unter Ihnen eine Generation jünger.
Ja. Jede Marke kann nur überleben, wenn sie dauernd verjüngt wird. Eine Verjüngung der Marken führt dann auch zur Verjüngung des Unternehmens.
Was macht Ihnen am meisten Bauchschmerzen? Eine Sparte oder generell der Erwartungsdruck des Verwaltungsrates?
Wenn ich Bauchschmerzen bekomme, ist es wohl, weil alles nicht schnell genug geht. Eine Transformation braucht Zeit. Aber ich bin etwas ungeduldig. Ich will deren Umsetzung sehen. Doch Veränderungen müssen im Unternehmen richtig verankert werden.
Wenn ich Bauchschmerzen bekomme, ist es wohl, weil alles nicht schnell genug geht.
Welches ist Ihr Lieblingsprodukt?
Ich trinke Kaffee, sieben bis acht Tassen am Tag - Nescafé und Nespresso. Aber ich probiere alle Produkte, die wir haben. Das ist auch der Vorteil als CEO: Alle Innovationen werden in mein Büro geliefert. Ich nehme sie auch mit nach Hause und probiere sie. Es ist auch wichtig für mich, zu sehen, wie diese Produkte bei meiner Familie ankommen.
Das Gespräch führte Dario Pelosi.