Turbulente Monate liegen hinter Nestlé: Erst im September 2025 erlebte der Konzern den zweiten Chefwechsel innerhalb von 13 Monaten, Konzernchef Laurent Freixe musste wegen einer verheimlichten Beziehung zu einer Mitarbeiterin gehen. Der damalige Nespresso-Chef Philipp Navratil übernahm die Unternehmensleitung. Dann kam im Januar dieses Jahres der Babymilch-Skandal: Nestlé musste in über 60 Ländern Babymilchpulver aus dem Verkauf nehmen, weil es verunreinigt war mit dem Giftstoff Cereulid.
Wie sehr haben diese Ereignisse das erste Quartal geprägt?
Die Zahlen fallen trotz der Turbulenzen vergleichsweise gut aus. Zwar ist der Gesamtumsatz im Vergleich zum Vorjahresquartal um fast 6 Prozent zurückgegangen. Das hatte aber vor allem mit dem starken Franken zu tun, der das Ergebnis gedrückt hat. Interessanter ist bei einem Unternehmen wie Nestlé das sogenannte organische Wachstum, also das Wachstum aus eigener Kraft, aus dem zum Beispiel Währungseffekte herausgerechnet werden. Dieses organische Wachstum fiel mit 3,5 Prozent höher als erwartet aus. Zwar hat Nestlé diesen Wert auch durch Preiserhöhungen erreicht – aber eben auch durch ein Mengenwachstum, also mehr verkaufte Nestlé-Produkte.
Hat der Babymilch-Skandal dem Unternehmen also nicht geschadet?
Doch. Die gigantische Rückrufaktion hat das organische Wachstum im ersten Quartal um knapp einen Prozentpunkt gedrückt. Das hatte mit der nicht verkauften Ware und Lieferengpässen zu tun, aber auch schlicht mit sinkender Nachfrage. Die Konsumentinnen und Konsumenten kaufen also deutlich weniger Babynahrung von Nestlé. Aktuell liegen die Verkäufe zehn Prozent unter dem normalen Niveau, wie Nestlé heute mitteilte.
Wie sieht die Strategie der neuen Nestlé-Führung aus?
Konzernchef Philipp Navratil und Verwaltungsratspräsident Pablo Isla sind angetreten mit dem Plan, Nestlé zu verschlanken und zu fokussieren. Derzeit ist ein Stellenabbau im Gang. Auch beim Produktportfolio will sich Nestlé verkleinern. CEO Navratil will künftig «mehr in weniger Marken investieren». Also: volle Kraft in die erfolgreichen Produkte, allen voran Nespresso und Nescafé. Das Marketing soll in diesen Bereichen hochgefahren werden, zudem will man die Kundschaft verjüngen. Dafür hat Nespresso etwa die Sängerin Dua Lipa verpflichtet. Das von Nestlé angestrebte «jüngere» Marketing zeigte sich auch jüngst beim Schokoriegel Kitkat: Als im März ein Lastwagen mit rund 12 Tonnen Kitkat-Riegeln spurlos verschwand, trat Nestlé mit ironischen Videos und Botschaften selbst dem Internetrummel um den Kitkat-Klau bei.
Die Kriege im nahen und mittleren Osten stellen viele Unternehmen vor Probleme. Wie sieht es bei Nestlé aus?
Nestlé bezeichnet die Situation als unsicher, hat aber seine n Prognose fürs laufende Jahr nicht angepasst. Fest steht: Der Konzern erzielt drei Prozent seines Gesamtumsatzes im Nahen Osten. Sollte der Konflikt die Produktion in der Region beeinträchtigen, besteht also ein gewisses Risiko, auch höhere Energie- und Rohstoffpreise könnten für Nestlé zum Problem werden. Das Unternehmen hat jedoch einen grossen Vorteil: Es produziert nahezu all seine Produkte dort, wo sie auch verkauft werden. Gestörte Lieferketten sind für Nestlé also kein so grosses Problem wie für andere Unternehmen. In solch unsicheren Phasen gewinne Nestlé sogar manchmal Marktanteile, sagte Finanzchefin Anna Manz heute.