Geprägt hat die Streaming-Plattform Netflix vor allem einer: Reed Hastings. Nach fast 30 Jahren tritt er ab. Sein Rücktritt kommt ausgerechnet in einer Zeit, in der sich der Streaming-Markt spürbar verändert: Das grosse Wachstum ist vorbei, die Konkurrenz ist härter denn je. Digitalredaktor Guido Berger über die Strategie von Netflix in einem sich wandelnden Markt.
Was macht Netflix so erfolgreich?
Netflix sammelt viele Inhalte bei sich, entweder Eigenproduktionen oder lizenzierte Inhalte. Dabei arbeiten sie mit verschiedenen Modellen (exklusiv, zeitlich limitiert oder nur in bestimmten Märkten). Das Ziel ist, dass Konsumentinnen und Konsumenten möglichst viele Inhalte haben und daraus stark personalisiert auswählen können.
Wo steht Netflix im Vergleich zur Konkurrenz?
Netflix hat schnell viel Konkurrenz erhalten. Denn alle dachten: Das können wir auch. Die meisten Konkurrenten haben darauf gewettet, dass an dieser grundsätzlichen Ausrichtung von Netflix irgendetwas nicht stimmt und dass man das besser machen kann. Disney zum Beispiel hat stark auf eigene Lizenzen für eigene Inhalte gesetzt. Apple setzt ebenfalls auf teure Eigenproduktion. Bis jetzt hat aber niemand so richtig Erfolg damit gehabt. Netflix hat bewiesen, dass der Dienst, der die meisten Inhalte hat, gewinnt.
Welche Strategie verfolgt Netflix?
Die goldenen Zeiten sind definitiv vorbei. Auch Netflix schnallt den Gürtel wieder enger und senkt die Kosten, zum Beispiel, um Inhalte zu produzieren. Serien werden wieder schneller abgesetzt. Es soll bei Netflix vertikale Videos geben, um auf die Herausforderungen durch YouTube, TikTok und Instagram zu reagieren. Unklar ist, was wichtiger ist: bestehende Kunden und Kundinnen zu halten, indem man beliebte Serien ewig verlängert, oder ständig neue Kundschaft zu gewinnen, indem eine weniger erfolgreiche Serie abgesetzt und eine neue produziert wird.
Müssen sich Streamingdienste neu erfinden?
Ja. Denn das grosse Problem für alle ist, dass es viel zu viele Inhalte gibt, die sich alle konkurrieren und um eine beschränkte Aufmerksamkeit streiten. Das sind eben nicht nur die verschiedenen Streamingdienste, sondern auch andere Dinge wie Games oder Short-Form-Videos. Dieses Problem von zu vielen Inhalten wird wahrscheinlich durch Künstliche Intelligenz noch verstärkt. Eine mögliche Strategie in eine andere Richtung wäre, vermehrt auf grosse Live-Ereignisse zu setzen. Netflix macht das schon länger mit Comedy und Musik und setzt auch immer mehr auf Sport. Man nähert sich so gewissermassen dem Fernsehen wieder an, wo man gemeinsam zur gleichen Zeit vor dem Bildschirm sitzt – natürlich weiterhin auch on demand und stark auf die einzelne Person zugeschnitten.
Ist Netflix für den Aufstieg von Streaming-Plattformen verantwortlich?
Richtig. Netflix ist fast synonym mit dem, was man unter Streaming versteht, also Serien oder Filme komplett on demand und über ein Abomodell bezahlt. Was man vielleicht vergessen hat: Ursprünglich war Netflix ein Filmverleih, wo physische DVDs ausgeliehen und per Post verschickt wurden. Das hat Netflix bis Mitte der 2000er-Jahre gemacht. Nach dem Erfolg des damals noch jungen YouTube hat Netflix gemerkt, dass die Technologie und auch die Kostenstruktur bereit sind, um Videos digital zu streamen, und ist dort ebenfalls eingestiegen.