Lange galt China als Wachstumsmotor der globalen Autoindustrie. Doch jetzt zeigt sich ein Einbruch auf dem chinesischen Automarkt. Im Mai wurden rund 1.5 Millionen Personenwagen verkauft – 20 Prozent weniger als vor einem Jahr. Chinesische Hersteller versuchen nun vermehrt, ihre Autos ins Ausland zu exportieren. Autoexpertin Beatrix Keim ordnet ein.
SRF News: Wie erklärt sich der Einbruch der Autoverkäufe in China?
Beatrix Keim: Erstens haben wir seit Anfang des Jahres einen Einbruch bei den New Energy Vehicles, weil die Förderung für den Kauf von Neufahrzeugen zurückgefahren und eine zusätzliche Verbrauchssteuer eingeführt wurde. Zweitens haben wir schon seit dem Ende der Pandemie in China eine schleichende Wirtschaftskrise, und das verstärkt sich mit der Ölkrise, die auch China trifft. Der Iran-USA-Konflikt hat zu einer extremen Verteuerung auch an den Tankstellen geführt.
Man drückt die Preise, und die Kunden warten dann vielleicht noch auf ein Schnäppchen.
Ist dies eine längerfristige strukturelle Trendwende?
Die Konsumschwäche und die steigende Arbeitslosigkeit weisen darauf hin. Auch die Überkapazitäten und die Tatsache, dass es so viele Marken gibt – ungefähr 113 von ungefähr 49 Herstellern. Somit kämpft jeder Hersteller um Marktanteile. Und das bedeutet: Man drückt die Preise, und die Kunden warten dann vielleicht noch auf ein Schnäppchen. Das bedeutet wiederum eine Verlangsamung des Marktes.
Wie reagieren die Hersteller?
Mit Exporten. Das sieht man hier in Europa, wo die chinesischen Hersteller immer mehr an Boden gewinnen. Und dann gibt es noch Märkte wie Südamerika und Afrika, wohin normale Verbrenner exportiert werden. Und somit wird hier weiter produziert.
Und wie geht es den europäischen Herstellern?
Die sind sehr gut aufgestellt. Man hat nach der Pandemie, als auch in China die Märkte wieder aufgingen, viel gelernt. Hat günstigere, angepasste Fahrzeuge entwickelt für den chinesischen Markt, der etwas anders strukturiert ist. Man kommt mit Fahrzeugen in allen Modellen mit einer sehr guten Technologie. Die Software wurde ver- oder nachgebessert. Ich glaube, man ist hier auf einem guten Weg, konkurrenztechnisch wirklich mitschwimmen zu können.
Die Chinesen haben eine Zeit lang einen Vorsprung in der Technologie gehabt, aber die Fahrzeuge, die nach Europa kommen, sind nicht unbedingt auf den europäischen Kunden zugeschnitten.
Wie gefährlich ist dieser Exportdruck für Europa?
Er ist nicht unbedingt existenzgefährdend, aber man sollte ihn mit Respekt betrachten. Die Chinesen haben eine Zeit lang einen Vorsprung in der Technologie gehabt, aber die Fahrzeuge, die nach Europa kommen, sind nicht unbedingt auf den europäischen Kunden zugeschnitten. Es ist also dieser Technologievorsprung, den die europäischen Hersteller aufholen müssen, um sich nicht kampflos zu ergeben. Denn das werden sie mit Garantie nicht tun.
Das Gespräch führte Nico Bär.