«Verspüren Sie hier ein Gefühl der Ruhe? Das ist wichtig, denn alle sind immer so gestresst», sagt George Gaitanos. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Luxushotels «Chenot» in Weggis am Vierwaldstättersee. Selbstoptimierung, Lebensverlängerung, Entgiftung stehen hier auf dem Programm. Oder kurz: Longevity.
Unter anderem bietet das Hotel eine Woche namens «Sleep Cycles» an. Die Schlafoptimierung kostet 7960 Franken – ohne Übernachtung. Je nach Zimmer-Kategorie kommt eine Summe von 11'670 oder – mit Seeblick – 12'790 Franken zusammen.
Vogelgezwitscher im Zimmer
Zentral sind vier spezielle Zimmer, die diesen Gästen zur Verfügung stehen. Darin: Wände mit akustischer Dämmung, ein Multimediasystem, das ein natürliches und entspanntes Aufwachen simuliert, blaues Licht an der Zimmerdecke, das den Biorhythmus in Gang bringen soll. Dazu zwitschern etwa Vogelstimmen. «Wir haben diese Vögel mit speziellen Mikrofonen in echten Wäldern aufgenommen», sagt Gaitanos.
Nach diesem «glücklichen Aufwachen» gehen die Gäste draussen spazieren und schauen Richtung Osten, wo die Sonne aufgeht. Erst anschliessend ist ein Frühstück möglich, ohne Koffein, ohne Salz und zusammen mit allen anderen Mahlzeiten höchstens mit 850 Kalorien pro Tag.
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Bild 1 von 3. Das Fünfsternehotel in Weggis am Vierwaldstättersee hat sich dem Longevity-Trend verschrieben. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Wer hier eincheckt, ist bereit, bis zu 12'000 Franken pro Woche zu bezahlen. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. George Gaitanos ist wissenschaftlicher Direktor. Das Hotel verfügt über vier spezifische Zimmer, in denen alles auf einen guten Schlaf ausgerichtet ist. Bildquelle: SRF.
Wer bucht im «Chenot»? Sogenannte High Performer, sagt man uns. Das sind etwa wohlhabende Unternehmer, die sich eine Pause gönnen wollen.
Sprechen können wir mit ihnen nicht, die Kundschaft sei sensibel. Wir sehen aber immer wieder Menschen in Bademänteln durch die Räumlichkeiten gehen, meistens allein, oft am Smartphone. Generell wird wenig gesprochen im «Chenot». Die meisten kämen allein. Wenn ein Paar einchecke, dann in der Regel in getrennten Zimmern.
Ein Markt von 100 Milliarden US-Dollar
Schlaf ist ein lukratives Geschäftsfeld geworden. In der Schweiz sagt jede und jeder Dritte von sich, Schlafstörungen zu haben. Das zeigt die Schweizerische Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik.
Potenziell betroffene Gruppen gibt es viele: Eltern von Kleinkindern, Menschen mit fordernden Jobs, Frauen in der Menopause oder Senioren und Seniorinnen, denen der erholsame Schlaf abhandengekommen ist.
Eine ganze Industrie verspricht Abhilfe. Laut Schätzungen des US-amerikanischen Marktforschungsinstituts P&S Intelligence haben Schlafwillige im vergangenen Jahr rund 100 Milliarden US-Dollar für Schlafhilfen ausgegeben. Bis 2032 soll noch einmal die Hälfte dazukommen.
Der Löwenanteil fällt auf Kissen und Matratzen. Kein Wunder, kann ein Unternehmen wie der schwedische Bettenhersteller Hästens bestehen. Er verkauft Boxspring-Betten, die unter anderem mit Pferdehaaren gefüllt sind. Das Topmodell kostet zwischen 600'000 und 1 Million Franken. Kürzlich hat das Unternehmen eine neue Filiale in Zürich eröffnet. SRF war zunächst zu einem Kundenanlass eingeladen und wurde dann wieder ausgeladen. Ein Fernsehdreh passe nicht zum geplanten Anlass, hiess es von der beauftragten PR-Agentur Markenkultur.
Stark wachsend sind technologische Gadgets zur Schlafüberwachung. Es gibt etwa Stirnbänder zur Neurostimulation, die in den Schlaf helfen sollen, oder Matratzenauflagen für mehrere tausend Franken, die Körperfunktionen tracken. Auch Smartwatches können in der Regel den Schlaf überwachen – und bewerten. Ähnlich funktioniert der finnische Oura-Ring. Das Unternehmen dahinter ist inzwischen rund 11 Milliarden Dollar wert.
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Bild 1 von 5. Rund 3000 Franken: Der Hersteller Eight Sleep bietet eine Matratzenauflage, die die Körperfunktionen misst. Zudem können unterschiedliche Temperaturen eingestellt werden. Bildquelle: Youtube / Eight Sleep.
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Bild 2 von 5. Rund 1000 Franken: Der Staubsauger-Hersteller Dyson hat einen Luftreiniger entwickelt, der auch beim Schlafen helfen soll. Bildquelle: Youtube / Dyson.
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Bild 3 von 5. Rund 300 Franken: Das Stirnband der Firma Elemind misst die Gehirnaktivität und sendet Signale zurück. Es soll gezielt Tiefschlafphasen optimieren. Bildquelle: Youtube / Elemind Technologies.
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Bild 4 von 5. Smartwatches haben eine grosse Preisspanne. Diese Uhr des Herstellers Garmin kostet rund 250 Franken und analysiert unter anderem den Schlaf des Trägers oder der Trägerin. Bildquelle: Youtube / Garmin.
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Bild 5 von 5. Ähnliches macht der Oura-Ring. Getragen als gewöhnlicher Fingerring, misst er zahlreiche Körperfunktionen, darunter den Schlaf. Kosten: 379 bis 519 Franken. Bildquelle: Youtube / Oura.
Diese Gadgets sind in den Augen von Schlafforscher Björn Rasch nicht zwingend kritisch zu sehen, im Gegenteil: «Es ist ganz grossartig», sagt der Professor für Psychologie an der Universität Freiburg, «denn wir haben auf einmal die Möglichkeit, Schlaf im Alltag zu messen, wie es früher nie möglich war.»
Allerdings seien die Produkte qualitativ nicht immer gut. «Und dann ist natürlich die Frage: Vertraue ich eher auf mein Gefühl, oder vertraue ich auf das, was die Uhr mir sagt? Das kann manchmal zu paradoxen Situationen führen, in denen die Uhr mir sagt, ich hätte schlecht geschlafen. Ich fühle mich aber eigentlich ausgeruht. Und dann mache ich mir Gedanken, obwohl ich mir eigentlich gar keine Gedanken machen müsste.»
Für die Nacht gibt es inzwischen sogar Funktionskleidung. Hiermit schreibt zurzeit ein Schweizer Start-up eine Erfolgsgeschichte. Unter dem Namen Dagsmejan hat Andreas Lenzhofer gemeinsam mit seiner schwedischen Frau Catarina Dahlin Pyjamas entwickelt, die eine Wirkung versprechen. Je nach Bedürfnis sollen sie kühlen, wärmen, ausgleichen oder regenerieren. Als Basis dienen unter anderem Eukalyptus- oder Buchenholzfasern.
Den Stoff haben die Unternehmer gemeinsam mit der Prüfstelle Empa und der Hochschule Luzern entwickelt und unter anderem mit dem österreichischen Textilunternehmen Willy Hermann zur Produktionsreife gebracht.
Wir haben gesehen, dass das Thema Schlaf an einem ‹inflection point› ist.
Das Paar hat bei der Gründung 2016 bewusst auf das Thema Schlaf gesetzt: Sie hätten sich analytisch die Frage gestellt, welche Megatrends die Welt in den nächsten 20 Jahren bestimmen würden. «Wir haben gesehen, dass das Thema Schlaf an einem ‹inflection point› ist. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Leute sagen ‹Vier Stunden Schlaf sind genug›. Oder ‹Schlafen kann man, wenn man gestorben ist›.»
Heute verkauft Dagsmejan nach eigenen Angaben knapp 200'000 Teile pro Jahr und ist seit rund fünf Jahren in den schwarzen Zahlen. Das ist schnell für ein Start-up im Bekleidungsbereich. Für die Bekanntheit hilft auch ein prominenter Partner im Sportbereich: Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft schläft in Dagsmejan-Pyjamas.
Der hohe Preis von rund 200 Franken pro Set schreckt offenbar viele nicht ab. «In anderen Ländern, wie zum Beispiel in den USA, haben wir eher Kunden mit höheren Einkommen», sagt Mitgründerin Catarina Dahlin, «aber hier in der Schweiz sind es sehr unterschiedliche Kundengruppen.» Heisst: In der Schweiz können sich viele die Pyjamas problemlos leisten.
Das hier ist keine demokratische Angelegenheit.
Das Hotel «Chenot» zielt mit rund 12'000 Franken pro Person eindeutig auf die High Society. Das gibt George Gaitanos freimütig zu: «Das hier ist keine demokratische Angelegenheit. Das ist für Menschen, die es sich leisten können.»
Angesichts der dreissig bis vierzig Therapien, Messungen, Behandlungen, die in den sieben Tagen des Aufenthalts auf die Gäste warten, sei der Preis sogar «eher günstig».
Es scheint genügend Menschen zu geben, die bereit sind, dieses Geld auszugeben. Die Schlafwoche sei sehr gut gebucht.