104 Partien werden bei der diesjährigen Fussball-WM gespielt. Für Wettbesessene 104 Möglichkeiten, auf Sieg oder Niederlage einer Mannschaft zu wetten. Im Internet finden sich dazu zahlreiche Angebote. Vor allem die sogenannten Prognosemärkte mit Namen wie Polymarket oder Kalshi verzeichnen viel Zulauf und spannen für ihre Werbespots Fussball-Grössen wie den kroatischen Rekordspieler Luka Modrić ein.
Es ist kein Zufall, dass Polymarket und Kalshi ausgerechnet auf Fussball setzen. Denn so erreichen sie eine attraktive Zielgruppe: Männer, vor allem junge, die das Wetten als einfachen Weg sehen, zu viel Geld zu kommen.
«Diese Gruppe zeigt ein erhöhtes Risikopotenzial für ein problematisches Geldspielverhalten», weiss Manuela Eder, Projektleiterin Prävention bei der Stiftung Sucht Schweiz. «In diesem Alter ist gerade bei Männern das Risikoverhalten verstärkt. Wenn man davon ausgeht, dass ein beträchtlicher Teil der Gewinne von problematischem Spielverhalten stammt, muss man sich fragen, warum das Marketing genau auf diese Gruppe zielt.»
Handel mit Finanzprodukten statt Wetten
Die Strategie der Prognosemärkte scheint aufzugehen: Allein im Juni hat das Volumen der Wetten bei Kalshi und Polymarket um 75 Prozent zugenommen und ist auf knapp 45 Milliarden US-Dollar gestiegen. Sportwetten machen bei Polymarket einen wichtigen Teil des Geschäftes aus, bei Kalshi sogar fast 90 Prozent.
Die oben genannten 45 Milliarden Dollar beziehen sich allerdings nicht auf die Höhe der Wetteinsätze, sondern auf die Summe aller Transaktionen, die auf den beiden Plattformen stattfinden. Der etwas komplizierte Unterschied zwischen Wette und Transaktion ist kein Zufall – er ist Geschäftsmodell und juristisches Schlupfloch zugleich.
Geht es nach Kalshi und Polymarket, wird auf ihren Plattformen nicht gewettet, sondern mit Finanzprodukten gehandelt. Wer auf den Ausgang eines Fussballspiels setzt, kauft so etwas wie eine Aktie, deren Wert an den Ausgang dieses Spiels geknüpft ist.
Die Familie Trump verdient mit
Juristisch ist diese Argumentation höchst umstritten. Doch sie erlaubt es Kalshi und Polymarket, auch in US-Bundesstaaten aktiv zu sein, die Online-Wetten eigentlich verbieten. Denn im Gegensatz zu Sportwetten haben bei Finanzprodukten nicht die Bundesstaaten das Sagen, sondern die Bundesbehörde CFTC. Die zeigt sich Prognosemärkten gegenüber sehr offen und zieht sogar Bundesstaaten vor Gericht, die Prognose-Plattformen regulieren wollen.
Michael Selig, der von Donald Trump eingesetzte Vorsitzende der CFTC, arbeitete als Anwalt für die Kanzlei, die Polymarket vertritt. Und er beriet Investoren von Kalshi. In einem Interview bezeichnete er Prognosemärkte jüngst als positiv für die Gesellschaft.
Verbot in der Schweiz lässt sich leicht umgehen
In der Schweiz sind solche Plattformen nicht erlaubt. Die dafür zuständige interkantonale Geldspielaufsicht Gespa hat sie vor Beginn der WM in einer Medienmitteilung als illegal erklärt und den Zugang zu den entsprechenden Webseiten gesperrt.
Allerdings: Die Sperren lassen sich mit etwas technischem Know-how leicht umgehen. Manuela Eder von der Stiftung Sucht Schweiz fordert deshalb: «Sperrlisten wie die der Gespa sind immer nur reaktiv. In Zukunft braucht es mehr internationale Zusammenarbeit und in der Schweiz ein zentrales Frühwarnsystem, das problematisches Geldspielverhalten anzeigt.»