Die Frage der staatlichen Förderung: Ohne Subventionen durch die öffentliche Hand lässt sich in der Schweiz kein neues Kernkraftwerk betreiben. Zu diesem Schluss kommen sowohl der Energiekonzern Axpo als auch die ETH Zürich in Studien, die sie kürzlich publiziert haben. Wie hoch die Förderung durch den Staat aber konkret sein müsste, das blieb bisher vage. Nun kommt der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse in einer Analyse zum Schluss, dass Strom aus neuen AKW die öffentliche Hand ungefähr gleich viel kosten würde, wie Wasser-, Sonnen- und Windstrom.
Wie Economiesuisse rechnet: Der Wirtschaftsdachverband stützt sich auf Zahlen der Axpo und der ETH Zürich. Gemäss den Autoren der Analyse umfassen die Kosten sowohl die Risikogarantien, die der Staat übernehmen muss, um die Finanzierung der Baukosten – aktuell geht man von 12 Milliarden Franken pro Reaktor aus – zu ermöglichen, als auch die Versicherungskosten für den Fall eines Reaktorunglücks. Letztere hält Alexander Keberle, Leiter Standortpolitik bei Economiesuisse für vernachlässigbar: «Gemäss einer Studie der Universität St. Gallen sind neue Kernkraftwerke so sicher, dass diese implizite Subvention bei 0.0009 Rappen pro Kilowattstunde liegt, das heisst eigentlich vernachlässigbar ist.»
Wie die AKW-Gegner reagieren: Die Schweizerische Energiestiftung (SES) hält die Zahlen von Economiesuisse für schwer nachvollziehbar und irreführend. Marcel Tobler, Leiter Kommunikation bei der SES stört sich daran, dass die Analyse bei den Solaranlagen die kleinsten herauspicke, nämlich jene auf Hausdächern, die pro Quadratmeter mehr Fördergelder benötigen. Auf der anderen Seite würden die Autoren bei neuen AKW von einem Schönwetterszenario ausgehen. «Wir wissen alle, dass Bauzeiten und Baukosten bei Atomkraftwerken immer aus dem Ruder laufen. Das zeigen auch die jüngsten Erfahrungen aus Frankreich und Finnland.»
Was die ETH Zürich zu den Zahlen sagt: Die ETH Zürich will sich zur Analyse auf Anfrage nicht äussern. Sie hat zwar in ihrer jüngsten Studie festgestellt, dass neue Kernkraftwerke ohne staatliche Unterstützung nicht möglich sind. Auf Schätzungen, wie hoch diese staatliche Unterstützung ab dem Jahr 2050 aber sein müsste, hat sie verzichtet, weil die Grundlagen für solche Rechnungen aus ihrer Sicht noch zu ungenau sind.
Warum der Streit um Zahlen eskaliert: Obwohl der Abstimmungstermin noch nicht fest steht, nimmt der Abstimmungskampf um die Aufhebung des AKW-Neubauverbots bereits Fahrt auf. Schwierig dabei ist, dass sich die Diskussion um eine noch ferne Zukunft dreht: Neue AKW in der Schweiz würden frühestens 2050 stehen. Was sie bis dann kosten, ist heute schwer zu sagen. Gleichzeitig ist in der Welt der erneuerbaren Energien vieles in Bewegung. Solarmodule, aber auch Windräder werden immer günstiger und effizienter, Batterien immer besser. So hat kürzlich der Dachverband der Wirtschaft für erneuerbare Energien, Aeesuisse, neun Szenarien für das Energiesystem der Schweiz berechnet – nur im teuersten spielt die Kernkraft eine Rolle.
Wo sich alle Befragten einig sind: Entscheidend wird für die Schweiz nicht nur sein, wie viel Strom sie selbst produziert, sondern auch ob sie sich voll in den europäischen Strommarkt integrieren und mit den Nachbarländern Strom effizient austauschen kann. Auch dazu wird sich das Volk äussern können, wenn es ums Stromabkommen mit der EU geht.