Die Schweiz braucht in Zukunft mehr Strom. Doch wie soll dieser produziert werden? Christoph Brand, Chef des Energiekonzerns Axpo, legt in einer neuen Studie eine Empfehlung vor: Er setzt auf Erneuerbare und Gas und nicht auf neue Kernkraftwerke.
SRF: Herr Brand, warum benötigen wir eine neue Energiestrategie?
Christoph Brand: Ganz einfach: Es geht nicht anders. Rund 30 Prozent unserer Stromproduktion aus den bestehenden Kernkraftwerken fallen weg, wenn diese vom Netz gehen. Gleichzeitig steigt der Bedarf, etwa durch Elektroautos und Wärmepumpen. Gerade im Winter wird es eng. Wir brauchen mehr als nur Photovoltaik und Wasserkraft.
Sie sind Chef des grössten Atomstromproduzenten, favorisieren in Ihrer Studie aber ein Szenario mit mehr erneuerbarer Energie und Gaskraftwerken. Warum nicht neue Kernkraftwerke?
Ein neues Kernkraftwerk ist im Bau sehr teuer. Die finanziellen Risiken sind für ein Unternehmen zu hoch. Der Staat müsste sie übernehmen. Doch ist das politisch umsetzbar? Wir fürchten uns vor einem Szenario, in dem wir zehn Jahre lang über neue Kernkraftwerke diskutieren, in der Zwischenzeit nichts bauen und am Ende mit leeren Händen dastehen.
Die Horrorgeschichten über Lärm oder tote Vögel sind Unsinn, das belegen die Fakten.
Ihr favorisiertes Szenario setzt stark auf den Ausbau von Windkraft. Sind tausend neue Windturbinen realistisch, angesichts des Widerstands?
Der lokale Widerstand geht sehr schnell zurück, wenn die Leute die Anlagen mal selbst erleben. Die Horrorgeschichten über Lärm oder tote Vögel sind Unsinn, das belegen die Fakten. Wir müssen den Leuten transparent aufzeigen: Irgendeine Quelle für den Winterstrom müssen wir erschliessen. Wenn wir keine Windkraft wollen, setzen wir entweder viel mehr auf Gas oder eben auf Kernkraft.
Kritiker werfen Ihnen vor, das Potenzial der Solarenergie kleinzureden.
Überhaupt nicht, wir bauen selbst tausende Solaranlagen. Aber es ist einfach Physik: Wir haben im Winter weniger Sonneneinstrahlung, dazu Schnee und Nebel. Jede Person mit einer Solaranlage auf dem Dach erlebt das selbst. Man kann noch so viel auf die Dächer schrauben, es ändert nichts an der Tatsache, dass die Anlagen im tiefen Winter nicht viel liefern.
Die knappste Ressource in der Schweizer Energiepolitik ist nicht das Geld oder die Technologie, sondern die Kompromissbereitschaft.
Warum Gaskraftwerke, die CO₂ ausstossen und von Gasimporten abhängen?
Das grosse Ziel ist die Elektrifizierung der Gesellschaft. Dadurch werden wir insgesamt viel weniger Öl und Gas für Heizung und Mobilität importieren. Für die wenigen Momente, in denen wir im Winter weder genug Wasser-, Solar- noch Windstrom haben, braucht es eine Reserve. Dafür sind die Gaskraftwerke da.
Eine Voraussetzung für beide Szenarien, Gas oder Kernkraft, ist, dass die bestehenden AKW länger laufen können. Wie lange geht das technisch noch?
Wir gehen davon aus, dass unsere neueren Werke wie Gösgen und Leibstadt technisch sicher bis zu 80 Jahre laufen können. Wir haben fortlaufend Milliarden in die Sicherheit und Instandhaltung investiert und werden ständig extern überprüft. Die Anlagen sind in einem sehr guten Zustand. Die Option, die Laufzeit zu verlängern, haben wir uns über die letzten Dekaden erarbeitet.
Ihre Studie liefert Argumente für beide Lager. Was ist Ihre Kernbotschaft an die Politik?
Die Schweiz muss sich eine Meinung bilden und sich für einen Weg entscheiden. Die Energiewende ist der falsche Ort für einfache, plakative Lösungen. Die knappste Ressource in der Schweizer Energiepolitik ist nicht das Geld oder die Technologie, sondern die Kompromissbereitschaft. Wir kommen nicht vom Fleck, wenn sich alle im Klein-Klein zerfleischen.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.