Die Ideen haben es in sich: In der Schaffung einer international fahrenden Stadtzürcher Nachtbus-Flotte etwa ortet das Papier «strategisches Potenzial».
Zürich soll von seiner zentralen Lage in Europa profitieren, sagt Thomas Sauter-Servaes, Mobilitätsforscher an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Mitverfasser der Studie. Tatsächlich lässt sich mit Fahrzeiten von zehn bis zwölf Stunden ab Zürich ein Grossteil Westeuropas ohne Flugzeug bereisen.
«So richtig neu ist das gar nicht – wir hatten schon mal einen Hub für Nachtzüge. Damals war Zürich in der Mitte eines Nachtzugsterns in Europa.» Dort wolle man mit dem Konzept wieder hin, so Sauter-Servaes.
Internationales Reisen verursacht mit Abstand den relevantesten Klima-Fussabdruck.
Für den Klimaschutz sei das eine Chance, sagt René Estermann, Direktor von Umwelt- und Gesundheitsschutz der Stadt Zürich. Die Stadt müsse die An- und Abreisen der Gäste anschauen. «Zürich ist die grösste Tourismusdestination in der Schweiz und das internationale Reisen verursacht mit Abstand den relevantesten Klima-Fussabdruck.»
Weitere Informationen
Die Anreise über Nacht am Boden statt mit dem Flugzeug sei der weit grössere Hebel als etwa das Mehrweggeschirr in der Public-Viewing-Zone eines Zürcher Grossanlasses, so Estermann. Und werde Zürich zum Nachtreise-Hub, profitiere davon die ganze Schweiz, weil die Anbindung mit Flugzeug-Alternativen verbessert werde.
Busbetreiber wünscht sich mehr Konkurrenz
Forschende haben deshalb im Auftrag von Stadt und Zürich Tourismus Ideen formuliert, wie so ein Nachtreise-Hub Zürich gelingen kann. Mitunter sehr konkrete Ideen: Um wichtige europäische Ziele zu erschliessen, ortet die Studie etwa ein «strategisches Potenzial» für eine eigene Nachtbus-Flotte.
Mit den Zürcher Verkehrsbetrieben bis nach Amsterdam also? René Estermann sieht darin eine Möglichkeit: «Vielleicht ist es so, dass die VBZ dereinst auch als Partner einer Gesellschaft auftritt. Wichtiger ist aber, dass die Stadt die entsprechende Infrastruktur für die Betreiber von solchen Buslinien bereitstellt.»
Es ist wichtig, dass Reisende sehen, dass es Alternativen gibt zum Fliegen.
Ein solcher Betreiber ist Luca Bortolani, Gründer und Geschäftsführer von Twiliner. Die Gesellschaft bietet seit Dezember Nachtbus-Reisen ab Zürich an, mit neuartigen Liegesesseln.
-
Bild 1 von 2. Das Zürcher Jungunternehmen Twiliner hat Ende vergangenen Jahres seinen Betrieb aufgenommen und bietet seither Reisen nach Brüssel, Amsterdam und Barcelona an. Bildquelle: KEYSTONE/Michael Buholzer.
-
Bild 2 von 2. Der Business Class nachempfunden sollen die Busse den gleichen Komfort bieten wie auf einem Flug (im Bild: Firmengründer Luca Bortolloni bei einerm Medientermin im vergangenen Dezember). Bildquelle: KEYSTONE/Michael Buholzer.
Bortolani sagt, er würde seinen Nachtbus zwar gerne mit der Stadt zusammen anbieten. Aber: «Es ist wichtig, dass Reisende sehen, dass es Alternativen gibt zum Fliegen. Jegliche Konkurrenz würde uns dabei unterstützen.» Denn im Moment ist das Nachtreisen für viele noch gar keine Option: Zu wenig dicht das Netz. Zu teuer. Zu anstrengend.
Studienautor: 2040 realistisches Ziel
Reisen über Nacht: Das muss man heute also wollen. Aus dieser Nische soll die Stadt laut Studie jetzt herausfinden. Mit besseren Ticketlösungen, mit Gepäckservice, mit Duschen und Früstücksservice. An Ideen mangelt es nicht.
«Anregung und Inspiration», sei das Papier, sagt die Stadt. Mobilitätsforscher Sauter-Servaes ergänzt: «All das, was darin geschildert wird, ist letztendlich keine Science Fiction. Vieles von dem könnte man heute schon sehr gut umsetzen. Deswegen haben wir bewusst 2040 gewählt, als ein Zeitpunkt, der uns durchaus realistisch erscheint.»
Nachtreisen ab Zürich: Die Studie zeigt vor allem, was noch möglich wäre. Soll aber tatsächlich ein VBZ-Nachtbus nach Amsterdam fahren, braucht es noch diverse politische Fahrplan-Anpassungen.