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Tabak- und Nikotinprodukte Die Schweiz ist ein Nikotin-Paradies – mit Folgen für die Jugend

Es wird «geraucht», «gevaped» und «gesnused». Ein Bericht zeigt, wie schwach die Prävention in der Schweiz ist.

Platz 36 von 37. Die Schweiz landet im Schutz ihrer Bevölkerung vor Tabak- und Nikotinprodukten weit hinten. Das zeigt der internationale Bericht «The Tobacco Control Scale 2025».

Die Gründe zählt Markus Meury von Sucht Schweiz auf: Jugendliche hätten einen einfachen Zugang zu Nikotinprodukten; Ausstiegsprodukte seien teuer und würden nicht übernommen von der Krankenkasse. Und: «Nikotinprodukte sind in der Schweiz im Vergleich zum Ausland, gemessen an der Kaufkraft, recht billig, und die Nikotinsteuern sind in den letzten zehn Jahren kaum mehr erhöht worden.»

Mächtige Tabakindustrie

Dazu kommt: In der Schweiz sitzen internationale Tabakkonzerne, die Verstrickungen mit der Politik und der Wissenschaft sind gross, und Werbung für ist nicht vollständig verboten.

Der Interessensverband Swiss Tobacco sieht keinen Änderungsbedarf. Dessen Präsident, SVP-Nationalrat Gregor Rutz, schreibt: «Viele andere Staaten streben ein totales Verbot von Tabakprodukten an (‹rauchfreie Gesellschaft›). Dass dies den Schwarzmarkt und die Kriminalität fördert, ist hinlänglich bekannt und nicht erstrebenswert. Glücklicherweise geht die Schweiz hier einen anderen Weg.»

Für Wolfgang Kweitel von der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz sind die geltenden Regeln ein Armutszeugnis. Er sieht die Politik in der Verantwortung – mit höheren Steuern, radikaler Werbeeinschränkung und neuen Kampagnen. Besonders die junge Generation macht ihm Sorgen: «Die Jungen konsumieren massiv die neuen Produkte. Da kommt eine Welle auf uns zu.»

Person legt Zigarettenpapier zwischen die Lippen.
Legende: Nikotinbeutel, inzwischen auch ohne Tabak erhältlich, werden zwischen Oberlippe und Zahnfleisch geschoben. Die Dosierungen variieren stark, eine Obergrenze pro Beutel gibt es nicht. IMAGO / Pond5 Images

Er spricht unter anderem von Nikotinprodukten zum Lutschen, auch bekannt unter Markennamen wie «Zyn» (von Philip Morris) oder «Velo» (von British American Tobacco). Sie sind wegen ihrer dezenten Anwendung unter der Oberlippe und ihrer attraktiven Aufmachung in bunten Dosen bei Jugendlichen beliebt – auch wenn weiterhin am häufigsten zur herkömmlichen Zigarette gegriffen wird. Das zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik. Allerdings sind diese mehr als zwei Jahre alt.

Die Tabakkonzerne haben sich mit den Alternativprodukten neue Welten eröffnet. Wer die Website des Konzerns Philip Morris besucht, wähnt sich bei einem Gesundheitskonzern. Von «Fortschritten hin zu einer rauchfreien Welt» ist die Rede, und Zigaretten sucht man weit und breit. Stattdessen setzt das Unternehmen auf Tabakerhitzer, E-Zigaretten und orale Nikotinprodukte.

Abhängigkeit ist im jugendlichen Gehirn viel stärker
Autor: Alexander Möller Pneumologe Kinderspital Zürich

Alexander Möller vom Kinderspital Zürich ist als Pneumologe auf Lungenkrankheiten spezialisiert. Der Arzt findet den zweitletzten Platz der Schweiz in der Prävention «beschämend». Ob Zigaretten, Vapes oder Snus – das Nikotin sei das gemeinsame Problem dieser Produkte. Und zwar besonders für Jugendliche.

«In der Adoleszenz gibt es sehr viele Veränderungen im Gehirn, vor allem in den Strukturen, in denen das Belohnungszentrum sitzt», sagt er. Nikotin sorge für verstärkte Dopamin-Ausschüttung, «und das führt dann zu Abhängigkeit. Sie ist viel stärker in dem sich verändernden Gehirn des Jugendlichen als bei einem Erwachsenen.»

Wer ein Leben lang nicht von Nikotin loskomme, habe in der Regel vor 18 mit dem Konsum angefangen.

Die Schweiz wird wohl nicht so bald vorrücken im Ranking: Als eines von wenigen Ländern weltweit hat sie die WHO‑Tabakkonvention von 2005 nicht ratifiziert. So fehlen etwa ein umfassendes Verbot von Tabakwerbung oder grossflächige Warnhinweise auf allen Tabakprodukten.

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SRF 4 News, 15.5.2026, 12 Uhr

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