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Tech-Bosse und Datenkraken Wie viel Kritik am Silicon Valley ist berechtigt?

Das Silicon Valley sei die Welt der opportunistischen Chefs der Technologiekonzerne. Sie wollten die Welt nicht verbessern, sondern sie ausnehmen und kontrollieren. Diese Wahrnehmung dominiert in Diskussionen rund um den Unternehmensstandort in Kalifornien. Hat sich das Valley tatsächlich derart zum Negativen entwickelt? Um diese Frage dreht sich das Gespräch mit Journalistin Marie-Astrid Langer, die seit 2018 für die «Neue Zürcher Zeitung» aus San Francisco berichtet.

Marie-Astrid Langer

Journalistin

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Marie-Astrid Langer ist seit 2018 Silicon-Valley-Korrespondentin für die «Neue Zürcher Zeitung». Sie ist zudem Mitglied des Wirschafts- und Politikvereins «Atlantikbrücke» und der NGO «American Swiss Foundation».

SRF News: Wie nehmen Sie das Leben in San Francisco und im Silicon Valley heute wahr? 

Marie-Astrid Langer: Also das Silicon Valley und besonders San Francisco, wo ich lebe, sind das Herz des derzeitigen Booms in der künstlichen Intelligenz (KI). Die führenden Firmen sitzen alle hier in der Stadt und das versprüht viel Energie. Diese Technologie ist allgegenwärtig: Wenn ich in ein Café gehe, höre ich überall Gespräche über KI und ständig gibt es Konferenzen.

Die Grenzen zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor, den Universitäten, gehen fliessend ineinander über.

Dieser Boom spaltet die Gesellschaft auch. Früher gab es eine Trennung in zwei Gruppen: Jene, die im Tech-Sektor arbeiten und enorm gut verdienen, und solche, die das nicht tun, also die Pflegefachperson oder der Lehrer. Sie leiden speziell unter den steigenden Mieten und Preisen. Jetzt gibt es aber eine dritte Gruppe: Wer im KI-Sektor arbeitet, verdient abermals deutlich mehr als andere Big-Tech-Angestellte. Die Wohlstandsschere geht immer weiter auseinander. Das ist spürbar.

Nahaufnahme von Nvidia-Grafikchips.
Legende: Nvidia, Apple, Meta, Google: Die Schlagzeilen über die Big-Tech-Konzerne überschatten die vielen kleineren Startups im Silicon Valley. Reuters/Ann Wang

Die Vernetzung untereinander war stets eine der Stärken des Mikrokosmos Silicon Valley. Arbeiten die Menschen nach wie vor zusammen?

Ja, das ist nach wie vor seine grosse Stärke. Zum Beispiel tüfteln ganz viele Studierende nebenbei schon an einem Start-up und treffen sich abends mit Investoren. Die Grenzen zwischen Privatsektor, also Firmen und Konzernen, und dem öffentlichen Sektor, den Universitäten und Hochschulen, sind wirklich fliessend. Es gibt täglich Veranstaltungen zu allen denkbaren Themen, KI, aber auch Robotik und Gesundheitstechnologien. Die stehen allen offen und auch für Neuankömmlinge ist es einfach, Leute kennenzulernen.

In den USA wird das Silicon Valley also nach wie vor als kreativer Kosmos für neue Ideen gesehen. Es ist also mehr als Google, Meta und Nvidia, die wir hier vor allem wahrnehmen. 

Ja, diese Firmen machen natürlich Schlagzeilen nach aussen, aber was das soziale Ökosystem hier ausmacht, sind die ganzen kleinen Start-ups, die sich drumherum ansiedeln. Und in den USA hat das Silicon Valley noch nichts an seinem Glanz verloren. Also ganz viele Städte wollen sein wie das Silicon Valley, das so viele Ideen und Produkte, aber auch Arbeitsplätze hervorbringt.

Viele Tech-Start-ups verlassen Europa, wodurch die Abhängigkeit von den USA zunimmt.

Inwiefern ist die Kritik am Egoismus der Techbosse und der Bedrohung der Arbeitsplätze durch KI berechtigt?

Das ist die negative Sichtweise auf die Technologie. Diese ist auch berechtigt, denn es gibt viele Schattenseiten, gerade von der KI. Aber man darf nicht vergessen, dass es genauso positive Aspekte gibt. Ich finde, die gehen in der europäischen Diskussion häufig unter. Technologie vereinfacht unser Leben auch, vernetzt uns, macht Bildung zugänglicher für alle. In Europa dominiert häufig die negative Seite. Das hat den Effekt, dass viele Start-ups den Kontinent verlassen und ihre Technologien in Amerika weiter vorantreiben. Das führt dazu, dass Europa häufig eine passive Rolle in dieser ganzen Entwicklung einnimmt und die Abhängigkeit von den USA zunimmt.

Das Gespräch führte Iwan Lieberherr.

Echo der Zeit, 17.05.2026, 18:30 Uhr ; 

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