Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Unbeteiligte in Kriegen «Das muss aufhören» – IKRK-Präsidentin mahnt Regeln im Krieg an

Die Zivilbevölkerung werde in Kriegen systematisch und immer mehr instrumentalisiert, sagt Mirjana Spoljaric Egger.

Der Flughafen in Dubai. Wohnhäuser in Israel. Ein Spital und eine Mädchenschule im Iran. Die Kriegsparteien sollen seit Samstag zivile Ziele beschossen haben. Eine unabhängige Überprüfung ist kaum möglich, auch nicht für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das in allen beteiligten Ländern präsent ist.

«Aber wir müssen davon ausgehen, dass es zu solchen Angriffen auf Schulen und Spitäler, aber auch auf andere zivile Einrichtungen gekommen ist», sagt dessen Präsidentin Mirjana Spoljaric Egger im «Eco Talk», «und das ist ganz klar inakzeptabel».

Ältere Frau hält Kind an der Hand.
Legende: Betroffene Zivilbevölkerung: Diese beiden überqueren die Grenze nach Aserbaidschan infolge des Beschusses im Iran (2. März 2026). Keystone / AP

Die Kommunikation in den Iran sei schwierig, und da der Luftraum gesperrt sei, könnten weder weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen noch Material in den Iran gebracht werden. Hinzu kommt, dass die Organisation mit weniger Geld auskommen muss (s. Textbox unten).

Die Eskalation ist unglaublich gefährlich
Autor: Mirjana Spoljaric Egger Präsidentin IKRK

Die Programme im Libanon und im Irak etwa sind zurückgefahren worden. Sie sagt: «Die Eskalation ist unglaublich gefährlich» – und meint damit nicht nur für ihr Personal, sondern auch für die Zivilbevölkerung.

«Was wir von Staatsführern immer mehr hören, ist, dass man den totalen Sieg verfolgen muss oder die totale Vernichtung des Feindes.» Das Kriegsrecht stehe dem entgegen. Spoljaric Egger sagt: «Es gibt nie einen Moment der Regellosigkeit oder der Grenzenlosigkeit im Krieg. Das heisst, der Schutz der Zivilbevölkerung muss immer ein Primat bleiben.»

Wehende Fahne mit rotem Kreuz.
Legende: Neutralität als Gebot: Das IKRK mit Sitz in Genf ergreift keine Partei. Der Fokus liegt auf der Zivilbevölkerung in Kriegen und Konflikten. Keystone / MARTIAL TREZZINI

Sie beobachte eine zunehmende Aushöhlung des humanitären Völkerrechts. «Das Leiden, das wir heute im Nahen Osten sehen, in Gaza, im Sudan, in der Ukraine, übersteigt bei Weitem das, was wir noch vor 10 oder 20 Jahren in den gleichen Regionen festgestellt haben.»

Rote Linien überschritten – die Weltgemeinschaft schaue zu

Die Zivilbevölkerung sowie humanitäre Helferinnen und Helfer würden zu Kriegszwecken systematisch instrumentalisiert. «Das ist politisch nicht mehr tragbar. Das ist menschlich nicht mehr tragbar. Das ist moralisch nicht mehr tragbar.»

Sie prangert an, dass unter den Augen der Weltöffentlichkeit regelmässig rote Linien überschritten würden. In ihren drei Jahren als IKRK-Präsidentin habe sie beobachten können, «wie die Weltgemeinschaft systematisch zugeschaut hat, wie Regeln massiv gebrochen worden sind, wiederholt gebrochen worden sind». Regierungen hätten zu wenig dagegen getan. «Und jede Aushöhlung, jede Toleranz bewirkt natürlich, dass der nächste Konflikt noch mit schlimmeren Mitteln und mit gefährlicheren Methoden ausgefochten wird.»

IKRK verfügt über weniger Geld

Box aufklappen Box zuklappen

Das IKRK hat ein Budget von 1.8 Milliarden Franken, das zu 85 Prozent öffentliche Geldgeber wie Regierungen tragen. Innerhalb von fünf Jahren ist es um ein Drittel geschrumpft.

Das IKRK hat die Zahl seiner Beschäftigten seit 2022 von 22’000 auf 16’000 reduziert.

Mit weniger Budget konzentriert es sich auf die kritischsten Konfliktgebiete. Dazu gehören die Demokratische Republik Kongo, der Sudan und mit den grössten Budgets von jeweils über 150 Millionen Franken Israel mit dessen besetzten Gebieten sowie die Ukraine.

Hinzu kommt, dass die Geldgeber laut IKRK-Präsidentin bestimmen, wo ihr Geld eingesetzt wird. Dem Nahen Osten und der Ukraine wird aus eigenen Sicherheitsinteressen am meisten Geld zugesprochen. Unterfinanziert sind hingegen Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent.

In ihren Augen gibt es keine Alternative zum Multilateralismus. Das IKRK habe vor eineinhalb Jahren eine globale Alternative lanciert, die Ende dieses Jahres in eine Konferenz in Jordanien münden solle. 150 Staaten seien bereits beteiligt. «Was wir erreichen wollen, ist eine gemeinsame Auslegung des humanitären Völkerrechts, die den Schutz der Zivilbevölkerung und der nicht Beteiligten wieder ins Zentrum stellt.» Man hoffe auf Einsicht der Staaten, dass damit letztendlich die eigenen Sicherheitsinteressen besser gewährleistet werden könnten.

Mirjana Spoljaric Egger sagt: «Ich habe leider sehr wenig gesehen, das mich optimistisch stimmt, seitdem ich im Amt bin. Aber ich gebe nicht auf.»

Eco Talk, 2.3.2026, 22:25 Uhr; wilh

Meistgelesene Artikel