Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Verlust von 600 Millionen Euro Migros Zürich zieht sich aus deutschem Markt zurück

  • Die Genossenschaft Migros Zürich zieht sich aus dem deutschen Markt zurück.
  • Sie verkauft wesentliche Teile ihrer Bio-Supermarktkette Tegut an Deutschlands grössten Lebensmittelhändler Edeka.
  • Ziel sei es, möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern und Filialen weiterzuführen, teilte die Migros Zürich mit.
  • Der Rückzug kostet die Genossenschaft allein 2025 rund 270 Millionen Euro.

Die finanziellen Folgen der Transaktion sollen im Jahresabschluss 2025 sichtbar werden, den Migros Zürich am 24. März vorlegen will. Die Gesamtabwicklung führt zu ausserordentlichen Aufwänden, die das Ergebnis von Migros Zürich und der Migros-Gruppe belasten werden.

Insgesamt belaufen sich die Verluste seit der Übernahme von Tegut im Jahr 2013 bis zum Verkauf auf maximal 600 Millionen Euro. Über den Verkaufspreis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Die Übernahme steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung des deutschen Bundeskartellamts.

Die Entscheidung, Tegut zu veräussern, ist uns äusserst schwergefallen.
Autor: Patrik Pörtig Migros-Zürich-Geschäftsleiter

Mit dem Schritt beendet die grösste Migros-Genossenschaft ihr Deutschland-Engagement nach rund 14 Jahren. Auslöser war eine strategische Neubewertung im Zuge der seit Jahren dauernden Tegut-Sanierung, wie aus einer Mitteilung der Migros Zürich hervorgeht.

Migros- und Tegut-Logo auf einem Banner vor Decke mit Leuchten
Legende: Die Migros Zürich übernahm Tegut 2013, um im grössten europäischen Detailhandelsmarkt Fuss zu fassen. Keystone/Patrick B. Kramer

«Die Entscheidung, Tegut zu veräussern, ist uns äusserst schwergefallen», wird Migros-Zürich-Geschäftsleiter Patrik Pörtig in der Mitteilung zitiert. Eine Analyse habe aber eindeutig gezeigt, dass eine Gesamtveräusserung die beste langfristige Perspektive für alle Beteiligten biete.

Zwar senkten Sparmassnahmen den operativen Verlust 2025 auf 26 Millionen Franken nach 55 Millionen im Vorjahr. Gleichzeitig verschärfte sich aber das Marktumfeld in Deutschland weiter, und die Umsätze gingen zurück.

Tegut sei unter diesen Bedingungen mit seiner Positionierung und vergleichsweise kleinen Grösse langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig, erklärte die Migros.

Über 7400 Angestellte betroffen

Mit Edeka ist bereits ein Vertrag über die Übernahme eines wesentlichen Teils der Tegut-Gruppe unterzeichnet. Dazu gehören ein grosser Teil des Filialnetzes mit den Vertriebsmitarbeitenden, das Logistikzentrum in Michelsrombach, die Herzberger-Bäckerei sowie die Betreiberin der Teo-Standorte in Deutschland.

Frau ordnet Gemüse in einem Supermarkt.
Legende: Von den über 7400 Angestellten ist vor allem für jene aus der Betriebszentrale, der Logistik und der Herzberger-Bäckerei unklar, wie es weitergeht. Keystone/Mario Vedder

Betroffen sind über 7400 Angestellte in 340 Filialen, im Logistikzentrum und in der Zentrale im hessischen Fulda. Die Arbeitsplätze in den Märkten sollen erhalten bleiben, wie die Migros Zürich mitteilte.

Wie viele der Mitarbeitenden aus der Betriebszentrale, der Logistik und der Herzberger-Bäckerei weiterbeschäftigt werden, stehe allerdings noch nicht fest.

Verhandlungen mit Rewe

Parallel dazu führt Migros Zürich weitere Gespräche, um für möglichst viele verbleibende Standorte Lösungen zu finden. Über das zweitgrösste Paket werde derzeit mit dem deutschen Handelskonzern Rewe verhandelt, sagte die Migros-Zürich-Sprecherin weiter.

Migros und Deutschland: Eine Serie von Fehlschlägen

Box aufklappen Box zuklappen

Mit der deutschen Bio-Supermarktkette Tegut hat die Migros Zürich ihr bislang grösstes Debakel im Ausland erlebt. Aber schon zuvor gab es Fehlschläge der Migros.

Filialen: Bereits vor Tegut scheiterte ein erster Versuch, in Deutschland mit eigenen Supermärkten Fuss zu fassen. Die Expansion von Migros Basel brachte Verluste, mehrere Standorte entwickelten sich schwach. Die vier Filialen in Lörrach, Freiburg im Breisgau, Ludwigsburg und Ludwigshafen sowie 220 Angestellte wurden 2013 von der deutschen Rewe-Gruppe übernommen.

Aciso Fitness: 2012 stieg die Migros Zürich mit dem Kauf der deutschen Aciso Fitness & Health in das internationale Fitnessgeschäft ein. Die Corona-Pandemie brachte das Geschäft jedoch stark unter Druck. 2022 verkaufte die Migros Zürich die Gruppe wieder an den Finanzinvestor Lafayette Mittelstand Capital.

Gries Deco/Depot: 2009 erwarb die Migros-Gruppe eine Mehrheitsbeteiligung an der deutschen Gries Deco Company, die unter anderem die inzwischen insolvente Einrichtungskette Depot betrieb. Das Engagement entwickelte sich jedoch enttäuschend. Zehn Jahre später zog sich die Migros wieder zurück und verkaufte ihre Anteile am Unternehmen mit damals 500 Standorten – darunter 38 in der Schweiz – an den bisherigen Geschäftsführer und Minderheitsgesellschafter Christian Gries. Der Detailhändler musste laut Medienberichten rund 400 Millionen Franken abschreiben.

Galaxus Deutschland: Auch der Onlinehändler Galaxus schreibt im deutschen Markt rote Zahlen. Die Migros-Tochter ist dort seit 2018 aktiv und investiert stark ins Wachstum. 2023 verzeichnete Galaxus Deutschland einen Verlust von über 61 Millionen Euro bei einem Umsatz von 287 Millionen Euro, nach einem Fehlbetrag von rund 49 Millionen Euro im Jahr davor. Die Migros bezeichnete die Verluste als übliche Anlaufinvestitionen beim Markteintritt.

Alnatura: Mit Alnatura hat auch der umgekehrte Weg – von Deutschland in die Schweiz – nicht funktioniert: Ab 2012 betrieb die Migros Zürich als Franchisenehmerin der deutschen Bio-Kette Alnatura rund 25 Bio-Supermärkte in der Schweiz. 2025 entschied die Genossenschaft jedoch, den Franchise-Vertrag nicht zu verlängern und sich stärker auf eigene Absatzkanäle zu konzentrieren. Ein neuer Betreiber fand sich nicht – alle Filialen wurden bis Ende 2025 geschlossen. Die Alnatura-Produkte bleiben aber im Migros-Sortiment erhältlich.

Tegut war schon länger ein Sorgenkind der Migros. Ursprünglich setzte die Migros Zürich für den chronisch defizitären Einzelhändler eine Frist bis Ende 2026. Wenn die deutsche Tochter bis dahin schwarze Zahlen schreibe, habe das Unternehmen eine Zukunft – sonst nicht, hiess es früher.

Info 3, 11.3.2026, 12 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel