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Vorzeigeindustrie in der Krise Haben die deutschen Autobauer die Zeichen der Zeit verschlafen?

Schlechte Geschäftszahlen, sinkende Nachfrage, Zehntausende Stellen, die auf dem Spiel stehen: Porsche meldet einen drastischen Gewinneinbruch um 90 Prozent, der gesamte VW-Konzern plant massive Stellenstreichungen. Auch bei Mercedes könnten Tausende Jobs wegfallen. Die deutsche Autoindustrie steht unter Druck. Hat die Branche den Wandel verschlafen? Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer verteidigt die Autobauer teilweise, nimmt sie jedoch nicht aus der Verantwortung.

Ferdinand Dudenhöffer

Autoexperte

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Der Wirtschaftswissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer ist einer der renommiertesten Automobilexperten Deutschlands. Von 1996 bis 2008 lehrte er an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Danach war er Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Im März 2020 wechselte er für kurze Zeit an die Universität St. Gallen. Er hat im Jahr 2000 das CAR-Center Automotive Research gegründet.

SRF News: Haben die deutschen Autobauer die Zeichen der Zeit verschlafen?

Ferdinand Dudenhöffer: Nein, das ist nicht richtig. Die deutschen Autobauer haben die Entwicklung nicht verschlafen. Aber sie wurden von einer sehr fluktuativen Politik überrascht. Mal wird das Elektroauto als die Zukunft ausgerufen, kurz darauf ist der Verbrenner die ganz grosse Zukunft. Diese Instabilität in Brüssel, Deutschland und anderen europäischen Ländern ist ein grosses Problem. Weitere Probleme sind China sowie die USA mit Donald Trumps Zollpolitik.

Kritiker sagen, die deutschen Autobauer seien zu wenig innovativ. Was sagen Sie dazu?

Die deutschen Autobauer haben Milliarden ins Elektroauto investiert. Viele dieser Investitionen müssen nun abgeschrieben werden, weil sich der Markt nicht so entwickelt hat wie erwartet. Auch die Politik ist mit Querschüssen dazwischengekommen. Gleichzeitig arbeiten die deutschen Autobauer in China eng mit den lokalen Unternehmen zusammen. Vor diesem Hintergrund ist der Vorwurf mangelnder Innovation nicht richtig.

Deutschland ist ein weltweites Verliererland. Wir verlieren unsere Industrie Stück für Stück.

Wo liegen aktuell die grössten Herausforderungen für die Branche?

Die gesamte Autoindustrie wird durch Trumps Zollpolitik sehr stark beschädigt. Mercedes und BMW sind weniger betroffen als zum Beispiel Porsche, die kein Werk in den USA haben. Das zweite Thema ist China. Das Land hat sich zum Leader, wichtigsten Automarkt und Innovationsträger entwickelt. Das Auto der Zukunft kommt aus China. Technologien wie das autonome Fahren, sogenannte Smartcockpits oder auch das Elektroauto und Batterien haben in China ihre grosse Heimat – und weniger in Deutschland.

Arbeiter mit Laptop neben unvollständigem Auto in Fabrik.
Legende: Viele Unternehmen verlagern ihre Produktion und Entwicklung ins Ausland. Mercedes baut etwa neue Modelle in Ungarn, VW treibt seine China-Strategie voran. Reuters / Shi Tou

Welche Zukunft sehen Sie für die deutsche Autoindustrie?

Deutschland ist ein weltweites Verliererland. Wir verlieren unsere Industrie Stück für Stück. Über zehn, zwanzig Jahre wurde unser Sozialstaat ausgebaut, finanziert von der Industrie. Dadurch ist die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland sehr schlecht. Mercedes baut etwa eine neue A-Klasse in Ungarn, VW treibt seine China-Strategie voran. Das Problem ist nicht die Autoindustrie – das ganz grosse Problem ist Deutschland.

Auch andere Länder leiden unter den aktuellen Bedingungen.

Auch andere Hersteller stehen unter Druck, etwa Ford oder General Motors, die zum Teil in Mexiko und in Kanada produzieren. Trumps Zollkriege erzeugen auch für sie erhebliche Verluste. Dennoch ist Deutschland besonders betroffen, wenn es um Arbeitsplätze geht. Industriearbeitsplätze wandern Stück für Stück ins Ausland ab – nicht nur in der Automobilbranche.

Mitarbeiterinnen montieren Autoteile in Fabrik.
Legende: «Wenn man die Schlagzeilen liest über Beschäftigungsarbeit bei Bosch, ZF, Mercedes, Porsche oder VW, kriegt man fast schon Angst um Deutschland», sagt «Autopapst» Ferdinand Dudenhöffer. (23.5.2024) Reuters / Fabian Bimmer

Gleichzeitig haben chinesische Hersteller andere Kostenstrukturen und Technologien. Ein neues Fahrzeug auf die Strasse zu bringen, geht in China zwei- bis dreimal schneller als in Deutschland. Und die Kosten sind deutlich tiefer – 20 bis 30 Prozent in der Entwicklung. Deshalb verfolgt VW die Strategie, in China nicht nur zu produzieren, sondern auch zu entwickeln. VW wird in der Zukunft aus zwei grossen Teilen bestehen: Wolfsburg und China.

Das Gespräch führte Florence Fischer.

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SRF 4 News, 13.3.2026, 6:10 Uhr ; 

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