Nach landesweiten Aufständen herrscht heute in den iranischen Städten laut Agenturen eine angespannte Ruhe. Die tagelangen Proteste der iranischen Bevölkerung haben auch mit dem Zerfall der iranischen Währung Rial zu tun: Im vergangenen Jahr verlor der Rial gegenüber dem Dollar um etwa 50 Prozent an Wert.
SRF: Gestern gab es Berichte, der Wert des Rial liege gegenüber dem Euro bei null. Was bedeutet es, wenn eine Währung den Wert null hat?
Anastassios Frangulidis: Pro Euro erhält man 1.7 Millionen Rial, wenn man die Währung offiziell austauscht. Das zeigt, dass die Währung enorm an Wert verloren hat – sowohl in letzter Zeit als auch in den Jahren zuvor. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Inflationsrate im Iran deutlich höher ist als in anderen Ländern.
Was sind die Hauptgründe für den Zerfall der Währung?
Die Sanktionspolitik des Westens gegenüber dem Iran hat zu einer deutlichen Verschlechterung der Versorgungslage geführt und die Wirtschaft massiv beeinträchtigt. Seit der Einführung der ersten grossen Sanktionen 2011 hat sich die iranische Wirtschaft – das Bruttoinlandprodukt, wenn man es in US-Dollar misst – um die Hälfte reduziert.
Die enorm hohe Inflation, welche durch den Zerfall der Währung noch beschleunigt wird, führt dazu, dass die Kaufkraft schwindet und die Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft sowohl bei den Unternehmen als auch bei der Bevölkerung grösser wird. Es wird weniger investiert und weniger Einkommen generiert.
Womit handelt der Iran?
Der Iran verfügt über grosse Erdöl- und Erdgasvorkommen. Der Iran exportiert etwa 3.5 Millionen Barrel Erdöl pro Tag. Vor allem China bezieht sehr viel Erdöl aus dem Iran.
Wie reagiert der Iran auf den Zerfall der Währung?
Es ist nicht einfach, darauf zu reagieren, solange es das Sanktionsregime gibt. Natürlich versucht man, andere Länder zu finden – vor allem im asiatischen Raum – in die man exportieren könnte. Das ist zunehmend schwieriger, weil auch diese Länder Gefahr laufen, dass sie mit Sanktionen seitens der USA belegt werden.
Auch andere Länder haben ohne Erfolg versucht, die Währung zu manipulieren.
Es heisst, die Zentralbank habe versucht, ein paar Nullen zu streichen und so den Wert der Währung wieder zu erhöhen. Wie erfolgversprechend ist das?
Auch andere Länder haben das ohne Erfolg versucht. Wenn man die echten Probleme wie hohe Inflation, tiefe Einkommen und die schwache konjunkturelle Entwicklung nicht angeht, wird die Währung weiterhin zur Schwäche neigen.
Was bedeutet so eine schwache Währung für die iranische Bevölkerung?
Es ist ein schwieriges Umfeld für die Bevölkerung: Wenn die Währung schwächer wird, steigen die Importpreise noch stärker. Der Iran importiert zum Beispiel Nahrungsmittel. Diese werden teurer, für die Bevölkerung schwindet die Kaufkraft. Das führt dazu, dass man sich weniger leisten kann und die Unsicherheit steigt. Wenn die Konjunktur schwach ist, werden auch weniger Arbeitsplätze mit guten Einkommen geschaffen. Die Arbeitslosenrate beträgt bereits heute etwa zehn Prozent. Bei den Jungen ist sie noch höher. Vor allem für die junge, relativ gut ausgebildete Bevölkerung, fehlt es an Perspektiven.
Gegen den Iran sind Sanktionen in Kraft: Kann der Rial überhaupt gehandelt werden?
Teil der Sanktionen ist der fehlende Zugang zum globalen Finanzsystem. In diesem Sinne ist der Rial keine vollständig konvertible Währung. Aus diesem Grund gibt es auch einen Schwarzmarkt. Das ist sicher ein Zeichen einer schwachen Währung.
Das Interview führte Camilla Herrmann.