Donald Trump droht Europa mit neuen Zöllen und löst damit Unruhe an den Finanzmärkten aus. Börsen-Korrespondent Jens Korte analysiert die Lage und erklärt, warum so vieles an den Finanzmärkten abperlt.
SRF News: Donald Trump droht mit neuen Zöllen. Was löst das an den Finanzmärkten aus?
Jens Korte: Die Märkte reagieren nervös. In Frankreich und Deutschland sehen wir Kursverluste, vor allem bei Unternehmen, die von Zöllen betroffen wären, wie Autohersteller oder Luxusgüterkonzerne. Es herrscht eine gewisse Nervosität.
Ist die aktuelle Situation vergleichbar mit dem Mini-Crash nach dem «Liberation Day» im letzten April, als Donald Trump die Zölle angekündigt hat?
Im Moment noch nicht. Damals ist die Wall Street um rund 20 Prozent eingebrochen. Davon sind wir weit entfernt. Aktuell sehen wir bei den betroffenen europäischen Indizes ein Minus von etwa 1.5 Prozent (Stand Mittag). Das ist nicht wirklich vergleichbar.
Wenn man Aktien verkauft, wohin mit dem Geld? Aufs Sparbuch? In Immobilien?
Die Börsen sind gut ins Jahr 2026 gestartet, mit Euphorie und Rekorden. Selbst geopolitische Krisen scheinen die Stimmung kaum zu belasten. Warum prallt so vieles an den Märkten ab?
Ein wichtiger Faktor ist die Geldpolitik. Das Geld ist historisch günstig. Zudem gilt oft der Grundsatz TINA: «There is no alternative». Wenn man Aktien verkauft, wohin mit dem Geld? Aufs Sparbuch? In Immobilien? Gerade für Grossinvestoren gibt es kaum Alternativen, also fliesst das Geld zurück in den Aktienmarkt. Das Paradoxe ist: In turbulenten Zeiten steigt normalerweise der Goldpreis, weil Gold als sicherer Hafen gilt. Aktien sind eher etwas Spekulatives. Aktuell steigen aber Gold und Aktien gleichzeitig.
Man kann nicht mehr sagen, dass die Börse ein Spiegelbild der nationalen Wirtschaft ist.
Haben sich die Börsen von der realen Wirtschaft abgekoppelt?
Ja, dieser Eindruck ist nicht falsch. Ein simples Beispiel: Die deutsche Wirtschaft ist in jüngerer Vergangenheit nicht besonders gut gelaufen. Dennoch eilt der deutsche Börsenindex DAX von einem Rekord zum nächsten.
Wie ist das möglich?
Der DAX widerspiegelt nicht mehr nur die deutsche Wirtschaft. Darin sind viele multinationale Konzerne, deren Erfolg eher von der Weltwirtschaft abhängt. Man kann nicht mehr sagen, dass die Börse ein Spiegelbild der nationalen Wirtschaft ist.
Um an der Börse zu investieren, gehört ein gewisser Optimismus dazu.
Zeigen die Rekordstände nicht einfach den Optimismus der Anleger?
Ja, an der Börse wird immer die Zukunft gehandelt, nicht die Vergangenheit. Und um an der Börse zu investieren, gehört ein gewisser Optimismus dazu. Sonst würde man nicht viel Geld auf die Zukunft setzen.
Der grosse Optimismus könnte ein Anzeichen dafür sein, dass ein Kipppunkt erreicht ist.
Was könnte den Optimismus trüben, wo sehen Sie die grössten Gefahren für die Börse?
Die politischen Differenzen könnten zu wirtschaftlichen Konflikten werden, zum Beispiel über eine eskalierende Zollpolitik. Das würde die Märkte verunsichern. Dann könnten die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz zum Problem werden, wenn der Hype zum Erliegen kommt. Und die Schulden sind ein gewaltiges Problem. Nicht nur Staatsschulden, sondern auch Schulden von Privatleuten. Aber auch der herrschende Optimismus könnte ein Problem sein: Wer der Meinung ist, es werde mit den Kursen weiter nach oben gehen – und das sind aktuell sehr viele – hat meistens schon an der Börse investiert. Es wird also nicht mehr viele neue Investitionen geben. Darum könnte der grosse Optimismus ein Anzeichen dafür sein, dass ein Kipppunkt erreicht ist.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.