Das Alter wird oft als Lebensphase der Ruhe beschrieben. Doch für einige Menschen birgt es Schattenseiten: In Europa erlebt im Schnitt jede sechste Person über 60 Jahren Gewalt oder Misshandlung. Unter den pflegebedürftigen älteren Menschen ist es gar jede vierte Person.
Für die Schweiz heisst das: Mehr als 300'000 Personen erfahren im Alter Misshandlungen oder Gewaltsituationen. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein, denn nur ein Bruchteil der Vorfälle wird auch gemeldet.
Frauen sind besonders gefährdet
«Das Thema ist sehr schambehaftet. Wer sagt schon gerne, dass er oder sie vom Partner oder der Partnerin schlecht behandelt wird», meint Ruth Mettler Ernst, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums «Alter ohne Gewalt».
Seit einigen Jahren führt das Nationale Kompetenzzentrum eine telefonische Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden können. Die Statistik der Meldungen vom letzten Jahr zeigt: In den häufigsten Fällen geschieht die Gewalt zudem im eigenen Zuhause, mutmasslich ausgeübt vom Ehepartner oder der Ehepartnerin. Frauen sind mit 64 Prozent besonders oft betroffen.
Dabei geht es nicht nur um körperliche Gewalt, sondern in einem Drittel der Fälle auch um psychische Gewalt. «Das sind Drohungen, Demütigungen, zermürbende Kritik, Beschimpfungen – Gewalt, die man nicht so sieht, die aber sehr verletzend ist.»
Pension kann Konflikte eskalieren lassen
Bestimmte Lebensphasen im Alter können Gewaltdynamiken in Beziehungen begünstigen. Gemäss Pro Senectute kann der Übergang ins Pensionsalter diese offenbaren oder verstärken.
Besonders in älteren Generationen würden Männer die Pensionierung beispielsweise als Identitäts- und Statusverlust empfinden, was Stress und finanzielle Unsicherheit auslösen kann. Gleichzeitig verbringen beide viel Zeit zu Hause, was das Kontrollverhalten der Täterinnen und Täter und die soziale Isolation der Opfer verstärken würde.
Aufklärung soll Gewalt vorbeugen
Umso wichtiger ist entsprechende Aufklärung, damit ältere Opfer Hilfe in Anspruch nehmen. Denn viele von ihnen würden weder ihre eigenen Rechte noch entsprechende Hilfsangebote kennen, so Ruth Mettler Ernst. «Sie lösen Probleme noch ohne fremde Hilfe oder sind in Abhängigkeitsverhältnissen, in denen man lieber schweigt als etwas zu ändern.»
Mit einer Präventionskampagne versucht das Nationale Kompetenzzentrum die Bevölkerung für Gewalt im Alter zu sensibilisieren. So machen etwa Flyer in Apotheken, Gemeinden und Altersinstitutionen auf entsprechende Anlaufstellen aufmerksam. «Es ist nie zu spät, Hilfe zu holen.»
Die Politik hat das Problem erkannt
Die Kampagne des Nationalen Kompetenzzentrums ist Teil eines Impulsprogramms, das der Bundesrat dieses Jahr verabschiedet hat. Es läuft bis 2030 und zielt auf Prävention, Früherkennung und angemessene Hilfsangebote für Gewalt im Alter ab.
Beispielsweise hat der Bericht des Bundesrates gezeigt, dass erschwingliche Betreuungsangebote präventiv wirken können. Institutionen wie Pro Senectute unterstützen Angehörige deshalb mit Besuchs-, Fahr- oder Mahlzeitendienste und versuchen, ältere Menschen mit Freizeitangeboten vor sozialer Isolation zu schützen.