Der Vierwaldstättersee gilt als ökologischer Musterschüler. Im Vergleich zu anderen Schweizer Seen weist er eine hervorragende Wasserqualität auf.
«Der Vierwaldstättersee hat ein grosses Einzugsgebiet, das noch in einem ziemlich natürlichen Zustand ist», erklärt Alfred Johny Wüest, Professor für aquatische Physik am Eawag, einem der weltweit führenden Wasserforschungsinstitute.
Im Vergleich dazu seien Seen im Mittelland, etwa der Greifensee, viel stärker durch die Landwirtschaft und die dichtere Besiedlung ihres Einzugsgebiets belastet.
Auch Nährstoffbelastungen, etwa durch Phosphor, Rückstände aus Medikamenten oder Kosmetika, finden sich im Zentralschweizer See weit weniger als in den Gewässern des Mittellands.
Trockenheit und Hitze sorgen für Stress
Doch der Vierwaldstättersee ist nicht vor allen Herausforderungen gefeit. Die anhaltende Trockenheit macht dem viertgrössten Schweizer See zu schaffen. «Die Zuflüsse sind um mehr als die Hälfte gesunken», so Wüest.
Im Moment liege der Wasserpegel nur noch wenige Zentimeter über der kritischen Interventionsgrenze. «Wenn die ganze Woche kein Niederschlag fällt, könnte ich mir vorstellen, dass es zur Intervention kommt», sagt Alfred Johny Wüest.
Konkret müsste der Abfluss künstlich gedrosselt werden. Da die Luzerner Bucht extrem flach ist, drohen ansonsten rasch Einschränkungen für die Schifffahrt.
Gleichzeitig setzt die Hitze dem Gewässer zu: Ende Juni erreichte das Wasser bereits 26,3 Grad Celsius – ein Wert auf dem Niveau des historischen Rekordsommers von 2003. Während Fische in tiefere, kühlere Schichten ausweichen können, begünstigt die Erwärmung die Ausbreitung invasiver Arten wie der Quaggamuschel.
Quaggamuschel könnte sich weiter ausbreiten
Die gebietsfremde Muschelart wurde erstmals 2024 im Vierwaldstättersee nachgewiesen. Wie rasant eine solche Invasion ablaufen kann, zeigt der Bodensee, wo sich die Quaggamuschel bereits bis zur maximalen Tiefe von 250 Metern ausgebreitet hat.
Der Wissenschaftler geht davon aus, dass dem Vierwaldstättersee ein ähnliches Schicksal droht: «Der Vierwaldstättersee hat sehr gute Sauerstoffverhältnisse – und da die Quaggamuschel Sauerstoff benötigt, wird sie sich dort ganz sicher ausbreiten.»
Während der Vierwaldstättersee die klassischen Probleme wie Nährstoffbelastungen hinter sich gelassen hat, sorgen Klimawandel und invasive Arten für neue Bedrohungen. Noch verschaffen ihm die kalten Zuflüsse und die gute Lichtdurchlässigkeit einen Vorteil – aber das Ökosystem des Schweizer Musterschülers bleibt gefordert.