In der Schweiz ist Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verboten: Das Gleichstellungsgesetz schützt vor Benachteiligung im Arbeitsmarkt. Gleichzeitig verdienen Frauen immer noch weniger als Männer und haben schlechtere Karrierechancen. Warum?
Lohn: Fehlen Sanktionen oder müssen Frauen handeln?
Frauen verdienen rund 600 Franken pro Monat weniger als Männer, zeigen Zahlen des Bundes. In Kaderpositionen sind es sogar bis zu 1600 Franken. Rund die Hälfte dieses Lohnunterschieds lässt sich durch unterschiedliche Ausbildung oder Berufserfahrung erklären. Der Rest bleibt jedoch ungeklärt und stellt möglicherweise eine Lohndiskriminierung dar.
Für SP-Nationalrätin Tamara Funiciello ist die Lage klar: Das Gleichstellungsgesetz greift nicht genug: «Wenn man feststellt, dass eine Firma gezielt Lohnungleichheit betreibt, kann man zwar klagen – aber Sanktionen gibt es keine.»
SVP-Nationalrätin Steinemann spricht von Einzelfällen: Frauen auf dem Arbeitsmarkt seien heutzutage genauso gut ausgebildet wie Männer. Deshalb nimmt sie die Betroffenen in die Pflicht: «Es steht jeder Frau völlig frei, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen, wenn sie sich diskriminiert fühlt.»
Hier setzen viele Kritikerinnen an: «Dass immer wir Frauen aktiv werden müssen, um eine Situation zu ändern, ist auch eine Form von Unterdrückung», meint eine Hörerin in der Diskussionssendung.
Teilzeitarbeit: strukturelles Problem oder Privatsache?
Ob weniger Lohn oder weniger Beförderungen: Die Benachteiligung von Frauen sei strukturell bedingt, so SP-Politikerin Funiciello. «Die Gesellschaft profitiert davon, dass Frauen schlechter bezahlt werden, weil jemand die Kinderbetreuung übernehmen muss.»
Für die gleichmässig verteilte Care-Arbeit sind einzig die Privatpersonen verantwortlich.
Tatsächlich leisten Frauen in der Schweiz deutlich mehr Haus- und Betreuungsarbeit: Während Frauen über 32 Stunden pro Woche investieren, sind es bei Männern nur rund 22 Stunden. Gleichzeitig arbeiten erwerbstätige Frauen fast dreimal so häufig Teilzeit wie erwerbstätige Männer. Besonders hoch ist der Anteil unter Müttern mit Kind im Haushalt. «Die finanzielle Abhängigkeit der Frauen ist staatlich und systemisch gewollt. Man muss das unterbrechen», so Funiciello.
Viele Frauen seien gerne zu Hause und wollten gar nicht arbeiten gehen, entgegnet Steinemann. «Für die gleichmässig verteilte Care-Arbeit sind einzig die Privatpersonen verantwortlich.» Ausserdem biete die Schweiz bereits ein riesiges Angebot an Krippen – man müsse es nur nutzen.
Lösungen: Elternzeit, Frauenquoten und Branchenwechsel
Während die SVP-Nationalrätin staatlichen Eingriffen kritisch gegenübersteht, fordert Funiciello: «Wir müssen Frauen Kitas anbieten, für die sie nicht ihre ganzen Löhne liegen lassen, eine Elternzeit einführen oder uns gesamtgesellschaftlich dafür entscheiden, die Arbeitszeit zu senken, damit auch Männer Betreuungsarbeit übernehmen können.»
Einig werden sich die zwei Politikerinnen nicht: Während Steinemann keinen Handlungsbedarf sieht, sieht Funiciello noch viel Arbeit.