Im Test: Snapchat Spectacles

Mit der dezent im Bügel integrierten Kamera sieht Snapchats Videobrille aus wie eine schicke Sonnenbrille. Nik Hartmann hat das heissbegehrte Teil mit uns getestet. Aber sind Aufnahmen mit dieser versteckten Kamera überhaupt erlaubt?

Nik Hartmann trägt die Snapchat Spectacles. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Trotz Kamera im einen und Batterie im anderen Brillenbügel tragen sich die Snapchat Spectacles überraschend bequem. SRF

Als erstes erstaunt das Gewicht: Die Snapchat Spectacles wiegen kaum mehr als eine gewöhnliche Sonnenbrille, obschon im einen Bügel eine Kamera und im anderen die Batterie untergebracht ist. Und auch äusserlich ist die Brille kaum von einer normalen Sonnenbrille zu unterscheiden. Es gibt sie in Schwarz, Aquamarin und Purpur.

Snapchat Spectacles in ihrer gelben Schachtel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vorsicht, Aufnahme: Der weisse Kreis rechts oben zeigt, dass die Brille aufzeichnet. SRF

Dass da etwas Spezielles auf der Nase thront deuten die beiden gelben Kreise an, die links und rechts oben am Gestell zu sehen sind. Der eine umrandet die Kamera. Im anderen ist ein Ring aus weissen Punkten zu sehen, der sich zu drehen beginnt, sobald die Kamera aufzeichnet.

Per Knopfdruck am linken Brillenbügel wird eine 10 Sekunden lange Aufnahme ausgelöst. Zweimal oder dreimal hintereinander drücken sagt der Brille, dass sie zwei beziehungsweise drei aneinandergehängte 10-Sekunden-Clips aufnehmen soll.

Die Brille kostet 130 Dollar. Bisher wird sie erst in den USA verkauft. Snapchat verschickt die Spectacles auch nicht ins Ausland. Wer in der Schweiz mit der Videobrille herumlaufen will, braucht eine US-Adresse bei einem Dienstleister, der ihm das Paket weiterschickt. Das ist also ein ziemlicher Aufwand.
Ist den die Brille tatsächlich wert? Um das herauszufinden, haben wir die Spectacles zusammen mit Social-Media-Aficionado Nik Hartmann getestet.

Das hat uns gefallen:

  • Snapchat verspricht, Spectacles-Aufnahmen wirkten viel unmittelbarer als die Videos einer Smartphone-Kamera. Das stimmt tatsächlich: Weil wir die Bilder aus dem Blickwinkel des oder der Filmenden sehen, haben wir das Gefühl, im Moment dabei zu sein. Wenn wir eigene Aufnahmen ansehen, kommen sie unserer Erinnerung näher als herkömmliche Videos. Am Ende des Artikels sind zwei Beispiele, die uns die Welt aus Nik Hartmanns Augen zeigen.
  • Wir haben beim Filmen die Hände frei. So können wir viel besser mit unserer Umgebung interagieren und sind näher am Geschehen dran. Es werden auch Aufnahmen möglich, die mit einer anderen Kamera nur schwer oder gar nicht machbar sind, zum Beispiel einen Ball zu werfen oder ein herziges Baby ins Bild zu halten.
  • Wir sind sprichwörtlich auf Augenhöhe mit unserem Gegenüber und können ihm beim Filmen in die Augen schauen. Auch das schafft mehr Nähe.
  • Egal ob Quer- oder Hochformat: Die Aufnahmen werden in der App immer bildschirmfüllend gezeigt – auch während wir das Smartphone drehen (siehe GIF unten).
  • Die Brille muss beim Filmen nicht mit der App verbunden sein. Wir können die Videos auch nachträglich en bloc übertragen.
  • Die Bluetooth-Verbindung der Brille zur App war in unserem Test immer stabil und problemlos herzustellen.
  • Eine Batterieladung langt für mehr als 100 Snaps. Damit können wir die Brille gut einen Tag lang einsetzen. Zur Brille gehört eine dreieckige gelbe Schutzhülle, die als Aufladestation dient. Sie kann die Brille vier Mal wieder aufladen, bevor sie selbst wieder an dem Strom muss.

Das hat uns nicht gefallen:

  • Beim Filmen wissen wir nie, wo das aufgenommene Bild aufhört und welche Teile später nicht mehr zu sehen sein werden. Anders als bei einer herkömmlichen Kamera haben wir keinen Bildschirm, auf dem wir den Bildausschnitt kontrollieren können.
  • Die Kamera kann nur 10-Sekunden-Videos aufnehmen, aber keine Fotos. Auch Livestreaming ist nicht möglich.
  • Bei wenig Licht kommt die Kamera schnell an ihre Grenzen.
  • Wenn wir viele Videos aufs Mal exportieren, kann der Export von der Brille in die App sehr lange dauern.
  • Die Standard-Qualität der Videos ist SD, also nicht besonders gut. Um HD-Bilder zu übertragen, muss das Smartphone per Wi-Fi mit der Brille verbunden werden, was umständlich ist.
  • Die Brille lässt sich ausschliesslich mit der Snapchat-App verbinden. Sie funktioniert also nicht als Videobrille für andere Anwendungen.
  • Das Hauptübel ist die Software. In der Snapchat-App sind die Videos der Brille umständlich zu finden und noch umständlicher auszuwählen. Die einzelnen Snaps eines Tages werden automatisch als zusammenhängende Story gesammelt, durch die man sich durchklicken muss, um eine bestimmte Aufnahme zu finden. So intuitiv und einfach die Aufnahme mit der Brille ist, so kompliziert ist die Verwaltung der Bilder.
  • Die Aufnahmen lassen sich nur in einem seltsamen Format exportieren: Als kreisförmiges Bild in einem 1080x1080 Pixel grossen Quadrat mit weissem Rand, immerhin aber als MP4-Videos und nicht auch noch in einem proprietären Format.
  • Für Brillenträger ist die Brille nicht geeignet.
  • Unserem Gegenüber ist unter Umständen nicht klar, dass wir es gerade aufnehmen. So können wir die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten verletzen.

Darf man das überhaupt?

Was den Datenschutz angeht, potenzieren sich mit einem Gerät wie den Spectacles die Probleme, die sich schon bei Aufnahmen mit dem Smartphone in der Öffentlichkeit stellen. Denn in der Schweiz gilt das Recht am eigenen Bild. Das heisst, dass die abgebildeten Personen in der Regel darüber entscheiden, ob und in welcher Form ein Bild aufgenommen und veröffentlicht werden darf.

Ein animiertes GIF zeigt eine Snapchat-Spectacles-Aufnahme, auf der Leute in die Kamer schauen und winken Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Backstage bei «Das Zelt»: Mit den Snapchat Spectacles kann man die Welt durch Nik Hartmanns Augen sehen. SRF

Nun werden wir bei Aufnahmen im öffentlichen Raum kaum alle Passanten um Erlaubnis fragen, die zufällig im Bildhintergrund zu sehen sind. Hier genügt es, dass wir eine Aufnahme auf Verlangen auch wieder löschen.

Doch dazu muss sich jemand erst bewusst sein, dass er oder sie gefilmt wurde. Und das ist bei den Snapchat Spectacles oft nur schwer zu bemerken.

SRF Digital hat beim Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) nachgefragt. Dort stellt man sich auf den Standpunkt, dass ein Gerät wie die Spectacles am besten nur im kleinen Kreis gebraucht werden sollte und nicht in die Öffentlichkeit gehöre. Wer sich nicht daran hält, kann unter Umständen gegen das Datenschutzrecht oder das Strafrecht verstossen.

Fazit

Die Snapchat Spectacles ermöglichen tatsächlich eine neue, unmittelbarere Art des Filmens, die mit einer herkömmlichen Smartphone-Kamera kaum möglich ist. Und weil sie auch als gewöhnliche Sonnenbrille funktioniert, wirkt sie auf unser Gegenüber weit weniger befremdend als zum Beispiel eine Go-Pro-Kamera, die wir uns zum gleichen Zweck auf die Stirn binden.

Ein animiertes GIF zeigt, wie das Bild der Spectacles in der Snapchat-App immer bildschirmfüllend bleibt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So hoch wie breit: In der Snapchat-App bleibt das Bild der Spectacles immer bildschirmfüllend. SRF

Für fleissige Snapchatter sind die Spectacles wohl die einfachste Art, ihre Snapchat-Stories mit neuen Videos zu füllen. Leider ist die umständliche Verwaltung der einzelnen Snaps in der App aber das Gegenteil des intuitiven Filmens mit der Videobrille.

Für andere Anwendungen als Snapchat taugt die Brille nicht. Die Videos lassen sich zwar exportieren, allerdings in einem seltsamen Format. Und auch der schöne Effekt, dass die Aufnahmen auf dem Smartphone stets bildschirmfüllend gezeigt werden, geht beim Export verloren.

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