Beim Konzert der Young Gods öffnet mein Konzertnachbar einen wasserdichten Schwimmsack. Darin schwimmt eine Flasche Prosecco in einer Ladung Eiswürfel. Seine Frau zieht zwei Cüpli-Gläser aus der Tasche.
Wer die ganze Woche am Paléo verbringe, müsse zwischendurch auch mal etwas Selbstgekauftes trinken, sagen die beiden fast entschuldigend. Sonst verlumpe man.
«Sicherheit muss nicht sichtbar sein»
An den meisten Festivals wären weder Flasche noch Gläser durch die Eingangskontrolle gekommen. Am Paléo gelten andere Regeln: Besucherinnen und Besucher dürfen mitbringen, was sie wollen. Taschenkontrollen gibt es nur punktuell.
«Sicherheit muss nicht sichtbar sein, um effizient zu sein», sagt Sicherheitsberater Pascal Viot gegenüber SRF. Statt auf enge Kontrollen und Abschreckung setzt das Paléo auf Vertrauen, ein dichtes Netz von Freiwilligen auf dem Gelände und Risikoanalysen hinter den Kulissen. Dass dieser Ansatz funktioniert, dürfte allerdings nicht allein am Sicherheitskonzept liegen.
Das grösste Dorffest der Schweiz
Obwohl sich während einer Woche rund eine Viertelmillion Menschen auf dem Gelände bewegen, hat das Paléo etwas von einem Dorffest. Das weitläufige Areal verhindert Gedränge, die zahlreichen Essens- und Getränkestände lange Schlangen.
Überall stehen Tische und Bänke, an denen sich Menschen begegnen, die sich im Alltag kaum an denselben Tisch setzen würden: Teenager neben Pensionären, Familien neben Festivalveteraninnen, Kinder mit Gehörschutz neben Rollstuhlfahrern.
Zur Atmosphäre tragen auch die Bars bei. Viele werden von Vereinen betrieben, z. B. Schachclub, Handballverein, Akkordeonfreunde. Sie stehen nicht unter maximalem Umsatzdruck. Entsprechend gelassen ist die Stimmung und entsprechend ist es auch nicht nötig, am Eingang jede Getränkeflasche zu konfiszieren.
Dazu kommen einheitliche und vergleichsweise moderate Preise. Darum sieht man selten Menschen, die ihren Abend ausschliesslich aus dem Rucksack bestreiten.
Eine andere Trinkkultur
Wer über das Gelände spaziert, bemerkt zudem, wie sauber es ist. Das liegt an den Abfallsäcken an jeder Ecke, aber auch am Publikum. Weil verschiedene Generationen und Milieus zusammenkommen, entsteht eine soziale Kontrolle, die kaum auffällt und gerade deshalb funktioniert.
Wir haben ein Vertrauensverhältnis mit den Besuchenden.
Auch die Trinkkultur wirkt anders als an vielen Open-Air-Festivals. Nur wenige Bars verkaufen Hochprozentiges, auf den Tischen stehen stattdessen oft Weinflaschen aus der Region. Hinzu kommt der Tagesrhythmus: Das Paléo öffnet seine Tore erst am späten Nachmittag. Statt eines durchgehenden Ausnahmezustands startet jeden Abend gewissermassen ein neues Fest.
Das Geheimnis des Paléo
Trotz seiner Grösse hat sich das Festival einen persönlichen Charakter bewahrt. Die soziale Durchmischung, das grosszügige Platzangebot und die kluge Gastro-Kultur schaffen eine Atmosphäre, in der sich die Menschen nicht nur als Konsumentinnen und Konsumenten fühlen, sondern als Teil einer Gemeinschaft.
Wer sich einem Ort verbunden fühlt, übernimmt eher Verantwortung für ihn. Auf dieses Prinzip setzt auch das Paléo. «Wir haben ein Vertrauensverhältnis mit den Besuchenden. Sie informieren uns sofort, wenn sie etwas Verdächtiges beobachten», sagt Pascal Viot.
Bleibt einzig die Frage, wie belastbar dieses Vertrauens-Modell in einer Zeit zunehmender Terrorbedrohungen ist.