Verena Speich und ein Herrenhemd als Reifetest

Es wird viel gelacht, im Alterszentrum Bergli in Glarus, als Verena Speich von früher erzählt. Die Erzählung der 87-Jährigen – die auf den ersten Blick eher nachdenklich wirkt – weckt bei den Anwesenden in der Gesprächsrunde ebenfalls Erinnerungen. Sie liefern den Stoff für lebhaften Gespräche.

Aufgewachsen ist Verena Speich-Maduc auf einem Bauernhof im Sernftal, zusammen mit zwei Schwestern und einem Bruder. Die Mithilfe der Kinder im Haus und auf dem Hof war eine Selbstverständlichkeit: «Wir hatten immer ein ‹Ärbetli›. Am Mittag hat unsere Mutter jeweils alle Arbeiten für den Tag verteilt. Jeder von uns wusste, was zu tun ist.»

Ebenso selbstverständlich war es in der Familie Maduc, den Mädchen stricken und nähen beizubringen. «Du gehst mir nicht aus dem Haus, bevor du ein Herrenhemd ‹büezen› kannst», habe ihre Mutter klar und deutlich gesagt.

Attraktion Sernftalbahn

Nähen wurde später für Verena Speich zum Beruf. «Ich war die Erste im Kanton Glarus, die Herrenschneiderin lernte», sagt sie nicht ohne Stolz. Dann nimmt sie einen grossen Atemzug, als ob sie damit unterstreichen möchte, wie anstrengend die Berufslehre war.

Die Lehre absolvierte sie in Schwanden, die Berufsschule besuchte sie in Näfels. Dann erzählt die sie von der Sernftalbahn, mit der sie jeweils zur Arbeit gefahren ist. Damit liefert sie der Gesprächsrunde das passende Stichwort für einen regen Austausch.

«Die Sernftalbahn ist von Schwanden bis Elm auf der Strasse gefahren, wie ein Tram», erinnert sich zum Beispiel Josef Birrer. «Ist man gerannt, konnte man mit der Bahn Schritt halten.» 1969 habe die Sernftalbahn ihren Betrieb eingestellt. Heute stehen die Wagen in einem Museum in Engi.

Begleiter für ein ganzes Leben

Die Stimmung am Tisch im Alterszentrum Bergli bleibt heiter als Verena Speich gefragt wird, wie sie ihren Mann kennengelernt habe. «Meinen Mann!», lacht sie, «den habe ich schon lange gekannt, wir sind miteinander zur Schule gegangen.» So richtig gefunkt habe es dann einmal nach einem Tanzabend. Man wollte die junge Frau nicht alleine nach Hause gehen lassen und beauftragte ihren späteren Mann sie zu begleiten. «Auf dem Nachhauseweg hat es klick gemacht und es hat grad geklappt.»

Ihr Mann ist mit fünf Geschwistern in einem kleinen Haus ohne fliessend Wasser aufgewachsen. «Die drei Mädchen und drei Jungs mussten das Wasser jeweils am Dorfbrunnen holen.» Manchmal hätten sie darüber gestritten, wer denn nun von ihnen an der Reihe sei, erinnert sich Verena Speich. Jedes der Kinder hätte sich am liebsten vor dieser anstrengenden Arbeit gedrückt. Dann ergänzt sie mit einem spitzbübischen Lachen: «Die Mutter musste manchmal sehr lange auf ihr Wasser warten.»

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.

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