Zu viel des Guten: Zwanghaft gesund essen

Alle wollen gesund essen, mehr Vitamine, weniger Fett, Ratschläge gibt es überall. Wer nicht gesund isst, wird schräg angeschaut. Kein Wunder, dass es da Leute gibt, die übertreiben. Für sie wird gesund essen zum Zwang. Das nennt sich Orthorexie.

Ein Paar stösst einen Einkaufswagen, gefüllt mit Obst und Gemüse.
Bildlegende: Gesund essen: ja! Wer «Ungesundes» aber nur noch links liegen lässt, wird auch nicht glücklich. colourbox.com

«Es freut mich, wenn mir Leute von ihrem gesunden Essverhalten erzählen», sagt Ernährungsberaterin Helena Kistler. «Doch wenn alles schon perfekt ist und sie trotzdem noch Verbesserungsvorschläge wollen oder sie dauern das schlechte Gewissen plagt, dann führt es zu weit.»

Die Grenze zwischen gesundem Essen und zwanghaft gesundem Essen ist fliessend, der Graubereich breit. Anzeichen für eine Orthorexie sind «wenn Sie unruhig werden, wenn Sie sehr viel ans Essen und die Essensplanung denken, wenn Sie eingeschränkt sind, wenn Sie an nichts anderes mehr denken können oder wenn Sie sich isolieren.» Sogenannt Ungesundes wird nicht verziehen, es werden Vitamine gezählt, der Spass fehlt.

Was also ist zu tun, wenn das gesunde Essen zwanghaft wird? «Wir sollten wieder mehr auf unseren Bauch hören und essen, wozu wir Lust haben. Wir sollten dran denken: Nicht die Lebensmittel sind gesund oder ungesund, unser Verhalten ist es», sagt Helena Kistler.

Der Begriff Orthorexie besteht aus den griechischen Wörtern «orthos» für richtig und «orexis» für Appetit. Erschaffen hat diesen Begriff Steven Bratman, ein amerikanischer Arzt. Er hat auch den Bratman-Test für Orthorexie entwickelt:

  1. Denken Sie mehr als drei Stunden am Tag über Ihre Ernährung nach?
  2. Planen Sie Ihre Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus?
  3. Ist Ihnen der ernährungsphysiologische Wert Ihrer Mahlzeit wichtiger als die Freude an deren Verzehr?
  4. Haben Sie das Gefühl, je gesünder Sie sich ernähren, desto schlechter sei Ihre Lebensqualität?
  5. Sind Sie in letzter Zeit mit sich strenger geworden?
  6. Steigert sich Ihr Selbstwertgefühl durch gesunde Ernährung?
  7. Verzichten Sie auf Lebensmittel, die Sie früher gerne gegessen haben, um nun «richtige» Lebensmittel zu essen?
  8. Haben Sie durch Ihre Essensgewohnheiten Probleme auszugehen und distanzieren Sie sich dadurch von Freunden und Familie?
  9. Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie von Ihrer Diät abweichen?
  10. Fühlen Sie sich glücklich und unter Kontrolle, wenn Sie sich gesund ernähren?

Je mehr dieser Fragen Sie mit «Ja» beantworten, desto zwanghafter ist Ihr Essverhalten.

Redaktion: Brigitte Wenger