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Bewältigung eines Traumas Als Kind wurde sie missbraucht, heute ist sie Sexarbeiterin

Mit 8 Jahren wurde Evi vom Grossvater sexuell missbraucht. Mit 17 Jahren stieg sie in die Prostitution ein. Heute arbeitet sie selbstständig – und setzt klare Regeln für sich und ihren Körper.

Die Türklingel läutet, der Freier ist da. Evi springt auf. «Ich komme gleich wieder», sagt sie und verschwindet hinter der Tür. Rund 50 Minuten später richtet sie das Bett, wechselt die Laken, duscht. Dann kommt auch schon der nächste Kunde. 

Person mit rotem Haar in dunklem Raum mit Spiegel.
Legende: Evi in ihrem Arbeitszimmer. Nach jedem Freier wird geduscht, das Bad geputzt und die Laken gewechselt. SRF

Dann beginnt alles von Neuem: Laken wechseln, duschen. «Es ist eigentlich deprimierend», sagt sie. «Bett anziehen, Bett abziehen. Wie, wenn man in einer Endlosschleife stecken würde.» 

Arbeiten bis zum Steissbeinbruch 

Seit über zwanzig Jahren arbeitet Evi im Sexgewerbe.  Die meiste Zeit davon arbeitete sie in Studios und musste jeweils 40 Prozent ihres Verdienstes an die Bordellbetreiber abgeben. Es gab Zeiten, in denen sie 30 Kunden pro Tag empfing. «Ich spürte meine Grenzen nicht. Das hatte gesundheitliche Folgen. Zweimal brach ich mir die Leiste und einmal das Steissbein.» 

Person mit rotem Haar bindet es vor einem Spiegel.
Legende: Evi hat über viele Jahre fast rund um die Uhr gearbeitet. Das hatte körperliche Folgen. SRF

Seit einigen Monaten ist Evi selbstständig. In ihrem Studio empfängt sie vor allem Stammkunden. «Ich dusche nach jedem Freier», sagt sie. Und auch das Studio wird nach jedem Gast sauber gereinigt. Es soll aussehen, als würden hier nicht noch andere ein- und ausgehen. Illusionen verkaufen gehört zu diesem Geschäft. Zudem geben ihr diese festen Abläufe Sicherheit und Struktur. 

Ein Job wie jeder andere? 

Evi spricht offen über ihren Beruf: «Sex ist für mich ganz normal, jeder hat Sex.» Auf die Frage der Reporterin, wie ihr Verhältnis zu den Freiern sei, meint Evi: «Mehrheitlich gut. Einige bringen mir sogar Geschenke wie Schokolade oder kleine Plüschtiere mit.»

Wenn ihr ein Mann im Vorfeld nicht zusagt oder ihre Grenzen nicht respektieren will, lehnt sie ihn konsequent ab. Sex ohne Kondom sowie gewisse Praktiken schliesst Evi aus. Wer diese Regeln nicht akzeptiert, wird blockiert. Von vielen Anfragen bleibe so nur ein kleiner Teil übrig. 

Fakten zur Prostitution in der Schweiz

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  • Seit 1942 ist die Prostitution in der Schweiz legal und reguliert.
  • Schätzungen besagen, dass in der Schweiz etwa 20'000 Menschen in der Prostitution arbeiten, überwiegend Migrantinnen.
  • Jeder fünfte Mann kauft mindestens einmal im Jahr Sex.
  • Die Lebenssituationen von Menschen in der Prostitution unterscheiden sich. In der Schweiz existieren selbstbestimmte Sexarbeit und Zwangsprostitution nebeneinander.
  • Studien und Polizei weisen auch auf Risiken wie Ausbeutung, Gewalt und Menschenhandel in der Prostitution hin.
  • Politisch ist das Thema erneut im Fokus. Die Frauensektion der Partei «Die Mitte» fordert strengere Schutzmassnahmen.
  • Diskutiert werden unter anderem häufigere Kontrollen, eine Kondompflicht sowie Programme zum Ausstieg aus der Prostitution. Auch eine schweizweit einheitlichere Regelung wird geprüft. Konkrete Gesetzesänderungen sind bislang jedoch nicht beschlossen.

Die Arbeit sei körperlich fordernd. Früher habe sie oft länger gearbeitet, manchmal fast rund um die Uhr. Heute arbeite sie bewusst weniger. «Das Maximum sind vier Kunden am Tag.» Der Körper setze irgendwann Grenzen.

Eine Position, die sich die 42-Jährige hart erarbeiten musste. Nur die allerwenigsten im Prostitutionsgewerbe können ihre Arbeitsbedingungen eigenständig und frei definieren. Zwang und Menschenhandel sind weitverbreitet.

Als Kind missbraucht

Während einer Zigarettenpause zwischen zwei Freiern erzählt Evi unerwartet, dass sie als Kind sexuell missbraucht worden war. Vom Grossvater. Der Missbrauch habe begonnen, als sie acht Jahre alt war. Am Schluss habe er ihr Geld gegeben. «Ich habe dann Kaugummis gekauft.»

Person sitzt lächelnd an einem Holztisch.
Legende: Martyrium des Mädchens: Evi wurde als Kind vier Jahre lang sexuell missbraucht. SRF

Dass ihr lange niemand glaubte, gehört ebenfalls zu ihrer Geschichte. Der Grossvater lebte im selben Haushalt, sein Zimmer neben ihrem. «Du hast wie eine Mattscheibe im Kopf», sagt Evi rückblickend. «Du kannst dich nicht wehren, kannst nicht reagieren.» Der Missbrauch bleibt mehrere Jahre im Dunkeln. Anscheinend bemerkt lange niemand das Martyrium des Mädchens. 

So wie Evi ergeht es vielen von sexualisierter Gewalt betroffenen Kindern. Derartige Erfahrungen sind schwer einzuordnen, Ängste und seelische Schmerzen bleiben oft unausgesprochen. Erst viel später können Betroffene die Ereignisse begreifen.

Interview mit Kinderschutz Schweiz

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Wie oft und wo passiert sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern heute?
Die Optimus Studie 2012 zeigt: Etwa jedes siebte Kind in der Schweiz ist betroffen. Offiziell werden nur rund tausend Fälle gemeldet, die Dunkelziffer ist deutlich höher. Bei jüngeren Kindern geschieht die Gewalt meist im nahen Umfeld und durch erwachsene Personen.

Wie ordnen Kinder sexualisierte Gewalt ein?
Kinder können sexualisierte Gewalt oft nicht benennen, da ihnen die Worte fehlen und sie keinen Vergleich haben. Besonders bei längerem Missbrauch wird das Erlebte normalisiert. Dennoch spüren sie, dass etwas nicht stimmt – es fühlt sich unangenehm oder grenzverletzend an.

Welche Rolle spielen «Belohnungen»?
Geld oder Aufmerksamkeit sind typische Täterstrategien zur Manipulation und Bindung des Kindes.

Warum erzählen viele Kinder nichts?
Etwa die Hälfte der Kinder schweigt. Oft braucht es mehrere Versuche, bis sie Hilfe erhalten. Gründe sind fehlende Einordnung, Schuld- und Schamgefühle, Angst vor Drohungen sowie mangelnde Aufklärung. Die Reaktion der ersten Vertrauensperson ist entscheidend.

Was passiert, wenn den Kindern nicht geglaubt wird?
Kinder bleiben der Gewalt ausgeliefert und verlieren das Vertrauen in Erwachsene und in sich selbst. Sie lernen, dass ihre Grenzen nicht zählen, Hilfe nicht erreichbar ist und Täter und Täterinnen mehr Macht als sie haben. Sie beginnen, zu zweifeln: Vielleicht war es doch nicht so schlimm. Vielleicht bin ich schuld.

Was sind die langfristigen Folgen?
Die Auswirkungen sind unterschiedlich, können aber tiefgreifend sein: Scham, geringes Selbstwertgefühl, Angststörungen, Depressionen und Traumafolgen sind mögliche Reaktionen. Auch Beziehungen, Bildung und Beruf können beeinflusst werden.

Wie können wir Kinder besser schützen?
Prävention und Sensibilisierung sind zentral. Kinder brauchen altersgerechte Aufklärung über Körper, Grenzen und Hilfsangebote. Erwachsene müssen Täterstrategien erkennen und Verantwortung übernehmen. Schutzkonzepte in Institutionen sind essenziell.

Wie kann man am besten helfen?
Wichtig ist, ruhig zu bleiben, zuzuhören und dem Kind zu sagen: «Ich glaube dir. Du bist nicht schuld.» Keine eigenen Ermittlungen durchführen, Aussagen dokumentieren und Fachstellen einbeziehen.

Zur Webseite vom Kinderschutz Schweiz.

Leben mit den Spätfolgen

Seit sechs Jahren ist Evi verheiratet. Sie lebt mit ihrem Partner Tom zusammen. Evi verdient mit der Arbeit in der Prostitution den grössten Teil des gemeinsamen Einkommens. Für Tom passt dieses finanzielle Ungleichgewicht. Dass seine Ehefrau als Prostituierte arbeite, stört ihn nicht: «Ich bin absolut nicht eifersüchtig.»

Zwei Personen sitzen in einem Wohnzimmer auf einem Sofa.
Legende: Evi und ihr Ehemann Tom sind seit sechs Jahren verheiratet. SRF

Doch die Spätfolgen des Missbrauchs haben Auswirkungen auf ihr Eheleben. «Es gibt immer noch Triggerpunkte», sagt Tom. «Bei uns wird nie eine Tür abgeschlossen.» Und gewisse Situationen bringen Evi bis heute aus dem Gleichgewicht: einzelne Berührungen, bestimmte Männer oder auch «auswärts schlafen» – solche Trigger können auch noch Jahre später Panik auslösen.

Vertrauen ist für Evi generell schwierig. Immer wieder hätten die Männer sie ausgenutzt. Auch finanziell. Über 40'000 Franken habe sie wegen Gutgläubigkeit verloren. Aber mittlerweile habe sie aus der Vergangenheit gelernt, betont sie.  

Fortlaufende Bewältigung

Obschon sie als Kind missbraucht wurde, ist Sexualität für Evi ein zentraler Bestandteil ihres Lebens – beruflich und privat. Auch in ihrer Freizeit bewegt sie sich in einem Umfeld, in dem Sexualität offen gelebt wird. Für Evi ist der Missbrauch Teil ihrer Biografie. Wie sie heute Sex erfährt und lebt, habe mit früher zu tun.

Als sie 13 Jahre alt war, kam der Missbrauch ans Licht. Evi flüchtete nachts immer öfter durch die Balkontür. In der Schule war sie anderntags oft müde. Die Behörden wurden aufmerksam und schalteten sich ein. Doch weder der Vater noch die zuständigen Stellen hätten ihr damals geglaubt, sagt Evi heute ernüchtert. Sie kam ins Heim, eine Anzeige sei nie erfolgt.

Zur Stiefmutter besteht bis heute Kontakt. «Sie war die Einzige, die mir glaubte, und die Einzige, die mich im Heim besuchte.» Die leibliche Mutter starb, als Evi vier Jahre alt war. 

Foto von zwei lächelnden Personen auf einem Buch.
Legende: Evi und ihre Stiefmutter Rosemarie: Diese war nach dem Missbrauch durch den Grossvater Evis erste Ansprechpartnerin – und die einzige, die ihr glaubte. SRF

Eine Therapie kommt für Evi momentan nicht infrage. Im Heim habe sie gemerkt, dass sie in einem Therapiesetting kein Vertrauen fassen könne.

Der Umgang mit dem Erlebten bleibt ein fortlaufender Prozess, mit Strategien, die sich im Laufe der Zeit verändern. Dazu gehöre auch das zeitweise Verdrängen: «Passiert ist passiert. Es hat damals niemand geholfen, und auch heute kann niemand helfen. Es ist durch. Es ist einfach noch mein Kopf und ich.»

SRF 2, rec., 22.4.2026, 22:30 Uhr

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