Die Türklingel läutet, der Freier ist da. Evi springt auf. «Ich komme gleich wieder», sagt sie und verschwindet hinter der Tür. Rund 50 Minuten später richtet sie das Bett, wechselt die Laken, duscht. Dann kommt auch schon der nächste Kunde.
Dann beginnt alles von Neuem: Laken wechseln, duschen. «Es ist eigentlich deprimierend», sagt sie. «Bett anziehen, Bett abziehen. Wie, wenn man in einer Endlosschleife stecken würde.»
Arbeiten bis zum Steissbeinbruch
Seit über zwanzig Jahren arbeitet Evi im Sexgewerbe. Die meiste Zeit davon arbeitete sie in Studios und musste jeweils 40 Prozent ihres Verdienstes an die Bordellbetreiber abgeben. Es gab Zeiten, in denen sie 30 Kunden pro Tag empfing. «Ich spürte meine Grenzen nicht. Das hatte gesundheitliche Folgen. Zweimal brach ich mir die Leiste und einmal das Steissbein.»
Seit einigen Monaten ist Evi selbstständig. In ihrem Studio empfängt sie vor allem Stammkunden. «Ich dusche nach jedem Freier», sagt sie. Und auch das Studio wird nach jedem Gast sauber gereinigt. Es soll aussehen, als würden hier nicht noch andere ein- und ausgehen. Illusionen verkaufen gehört zu diesem Geschäft. Zudem geben ihr diese festen Abläufe Sicherheit und Struktur.
Ein Job wie jeder andere?
Evi spricht offen über ihren Beruf: «Sex ist für mich ganz normal, jeder hat Sex.» Auf die Frage der Reporterin, wie ihr Verhältnis zu den Freiern sei, meint Evi: «Mehrheitlich gut. Einige bringen mir sogar Geschenke wie Schokolade oder kleine Plüschtiere mit.»
Wenn ihr ein Mann im Vorfeld nicht zusagt oder ihre Grenzen nicht respektieren will, lehnt sie ihn konsequent ab. Sex ohne Kondom sowie gewisse Praktiken schliesst Evi aus. Wer diese Regeln nicht akzeptiert, wird blockiert. Von vielen Anfragen bleibe so nur ein kleiner Teil übrig.
Die Arbeit sei körperlich fordernd. Früher habe sie oft länger gearbeitet, manchmal fast rund um die Uhr. Heute arbeite sie bewusst weniger. «Das Maximum sind vier Kunden am Tag.» Der Körper setze irgendwann Grenzen.
Eine Position, die sich die 42-Jährige hart erarbeiten musste. Nur die allerwenigsten im Prostitutionsgewerbe können ihre Arbeitsbedingungen eigenständig und frei definieren. Zwang und Menschenhandel sind weitverbreitet.
Als Kind missbraucht
Während einer Zigarettenpause zwischen zwei Freiern erzählt Evi unerwartet, dass sie als Kind sexuell missbraucht worden war. Vom Grossvater. Der Missbrauch habe begonnen, als sie acht Jahre alt war. Am Schluss habe er ihr Geld gegeben. «Ich habe dann Kaugummis gekauft.»
Dass ihr lange niemand glaubte, gehört ebenfalls zu ihrer Geschichte. Der Grossvater lebte im selben Haushalt, sein Zimmer neben ihrem. «Du hast wie eine Mattscheibe im Kopf», sagt Evi rückblickend. «Du kannst dich nicht wehren, kannst nicht reagieren.» Der Missbrauch bleibt mehrere Jahre im Dunkeln. Anscheinend bemerkt lange niemand das Martyrium des Mädchens.
So wie Evi ergeht es vielen von sexualisierter Gewalt betroffenen Kindern. Derartige Erfahrungen sind schwer einzuordnen, Ängste und seelische Schmerzen bleiben oft unausgesprochen. Erst viel später können Betroffene die Ereignisse begreifen.
Leben mit den Spätfolgen
Seit sechs Jahren ist Evi verheiratet. Sie lebt mit ihrem Partner Tom zusammen. Evi verdient mit der Arbeit in der Prostitution den grössten Teil des gemeinsamen Einkommens. Für Tom passt dieses finanzielle Ungleichgewicht. Dass seine Ehefrau als Prostituierte arbeite, stört ihn nicht: «Ich bin absolut nicht eifersüchtig.»
Doch die Spätfolgen des Missbrauchs haben Auswirkungen auf ihr Eheleben. «Es gibt immer noch Triggerpunkte», sagt Tom. «Bei uns wird nie eine Tür abgeschlossen.» Und gewisse Situationen bringen Evi bis heute aus dem Gleichgewicht: einzelne Berührungen, bestimmte Männer oder auch «auswärts schlafen» – solche Trigger können auch noch Jahre später Panik auslösen.
Vertrauen ist für Evi generell schwierig. Immer wieder hätten die Männer sie ausgenutzt. Auch finanziell. Über 40'000 Franken habe sie wegen Gutgläubigkeit verloren. Aber mittlerweile habe sie aus der Vergangenheit gelernt, betont sie.
Fortlaufende Bewältigung
Obschon sie als Kind missbraucht wurde, ist Sexualität für Evi ein zentraler Bestandteil ihres Lebens – beruflich und privat. Auch in ihrer Freizeit bewegt sie sich in einem Umfeld, in dem Sexualität offen gelebt wird. Für Evi ist der Missbrauch Teil ihrer Biografie. Wie sie heute Sex erfährt und lebt, habe mit früher zu tun.
Als sie 13 Jahre alt war, kam der Missbrauch ans Licht. Evi flüchtete nachts immer öfter durch die Balkontür. In der Schule war sie anderntags oft müde. Die Behörden wurden aufmerksam und schalteten sich ein. Doch weder der Vater noch die zuständigen Stellen hätten ihr damals geglaubt, sagt Evi heute ernüchtert. Sie kam ins Heim, eine Anzeige sei nie erfolgt.
Zur Stiefmutter besteht bis heute Kontakt. «Sie war die Einzige, die mir glaubte, und die Einzige, die mich im Heim besuchte.» Die leibliche Mutter starb, als Evi vier Jahre alt war.
Eine Therapie kommt für Evi momentan nicht infrage. Im Heim habe sie gemerkt, dass sie in einem Therapiesetting kein Vertrauen fassen könne.
Der Umgang mit dem Erlebten bleibt ein fortlaufender Prozess, mit Strategien, die sich im Laufe der Zeit verändern. Dazu gehöre auch das zeitweise Verdrängen: «Passiert ist passiert. Es hat damals niemand geholfen, und auch heute kann niemand helfen. Es ist durch. Es ist einfach noch mein Kopf und ich.»