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Hausärztemangel Junges Ärztepaar widersteht dem Trend auf dem Land

In vielen Schweizer Dörfern bleiben die Arztpraxen leer, die medizinische Versorgung auf dem Land bröckelt. Doch in Bürglen im Kanton Uri wagt ein junges Ärztepaar den Gegenschritt. Für sie ist die Hausarztpraxis kein Auslaufmodell, sondern ein Lebensentwurf.

Es ist kurz nach sieben Uhr morgens. Benjamin Stettler-Gruntz bereitet die wohl wichtigste Maschine in der Praxis vor: Die Kaffeemaschine. «Ich finde es komisch, wenn nur ich Kaffee trinke. Die Patienten bekommen auch einen, wenn sie wollen», erklärt er mit einem Schmunzeln.

Tiefes Vertrauen

Im Abstand von zwanzig Minuten kommen neue Menschen durch die Praxistüre. Alle mit ganz anderen Anliegen. Stettler-Gruntz operiert ein Muttermal heraus, misst den Blutdruck, hört die Lunge ab, geht im Altersheim auf Visite. Einige seiner Patienten spricht er mit Vornamen an.

Zwei Personen tragen OP-Masken bei medizinischer Prozedur.
Legende: Abwechslungsreicher Alltag Benjamin Stettler-Gruntz und seine Mitarbeiterin entfernen ein Muttermal bei einer Patientin. SRF

Diese Nähe zu den Menschen und die Abwechslung im Arbeitsalltag sind seine grösste Motivation. In der Stadt sei man oft anonym, hier im Dorf kenne man die Familiengeschichten hinter den Diagnosen. «Es ist ein Privileg, wenn Menschen einem so tief vertrauen.»

Wer schneller läuft, hat mehr Zeit für anderes

Der junge Hausarzt eilt im Laufschritt durch die Praxis. «Das habe ich von meinem Vater gelernt», sagt er. «Wer schneller läuft, hat mehr Zeit für anderes.» Zeit ist in diesen Tagen sein kostbarstes Gut. Vor Kurzem ist er zum dritten Mal Vater geworden – seine Frau Katharina, die normalerweise mit ihm zusammen die Praxis schmeisst, ist im Mutterschaftsurlaub.

Obwohl Stettler-Gruntz oft zwölf Stunden am Tag arbeitet, hat er den Schritt in die Selbständigkeit nie bereut. Auch der Umzug aufs Land war für das Paar die richtige Entscheidung. Für Katharina Stettler-Gruntz ist die Lebensqualität hier deutlich höher als in der Stadt – dafür nimmt sie gerne ein kleineres Gehalt in Kauf.

Nur gemeinsam möglich

Bevor das Ärztepaar vor rund einem Jahr die Praxis eröffneten, gab es im Dorf vier Jahre lang gar keinen Arzt.

Zwei Personen stehen auf einer Terrasse, eine trägt ein Baby in einem Tragetuch.
Legende: «Alleine nicht möglich» Das Ärztepaar Benjamin und Katharina Stettler-Gruntz führen die Praxis gemeinsam. SRF

Benjamin und Katharina Stettler-Gruntz führen die Praxis gemeinsam. «Ich hätte das niemals ohne Beni gemacht», gibt Katharina zu. «Ich kenne auch niemanden, der das heute als junger Mensch noch alleine macht.» Der Austausch über komplexe Fälle, aber auch die Aufteilung der administrativen Last – Benjamin kümmert sich um die Finanzen, sie um das Personal – machen das Modell zukunftsfähig.

Ein System am Limit

Box aufklappen Box zuklappen

Fachleute warnen schon seit Jahren: Eine grosse Pensionierungswelle wird die medizinische Grundversorgung in den nächsten zehn Jahren vor gewaltige Probleme stellen.

Die Workforce-Studie 2025 der Universität Basel macht das Ausmass deutlich: Bis zum Jahr 2030 müssen etwa 22 Prozent, bis ins Jahr 2035 sogar rund 40 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte ersetzt werden. Dass das System heute noch stabil ist, liegt auch an der älteren Generation: Laut der Studie arbeiten bereits jetzt 13 Prozent der Grundversorgerinnen und Grundversorger über das eigentliche Rentenalter hinaus, um ihre Praxen weiterzuführen.

Stadt vs. Land

Besonders auf dem Land macht sich der Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten bemerkbar. Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen ein klares Gefälle: In Städten kommen auf 1000 Einwohner etwa 1,0 Vollzeitstellen in der Grundversorgung. In ländlichen Gebieten sind es nur noch 0,4.

Berufsbild im Wandel

Warum Hausarztpraxen auf dem Land immer weniger werden, hat verschiedene Gründe: Das Bild vom Dorfarzt, der Tag und Nacht allein für alles zuständig ist, passt nicht mehr zur heutigen Lebensplanung. Junge Ärztinnen und Ärzte suchen eher nach Möglichkeiten für Teilzeitarbeit, Teamarbeit und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zudem ist der Start in die Selbstständigkeit teuer: Eine eigene Praxis zu eröffnen oder zu übernehmen, kostet oft viel Mut und Geld. Katharina und Benjamin Stettler-Gruntz, haben rund 250'000 Franken in die Praxis investiert haben.

Nachmittags fährt Stettler-Gruntz 20 Minuten den Berg hinauf. Er besucht einen älteren Patienten, der den Weg ins Dorf nicht mehr schafft. Finanziell lohne sich das kaum, meint er. Ein Hausbesuch bringe ihm nur 116 Franken ein, aber: «Vielleicht macht es mir einfach Spass, und dann ist es mir das auch wert.»

Der Hausarzt läuft mit Rucksack und Plastiktüte auf einem Bergweg zum Haus des Patienten.
Legende: Hausbesuch auf dem «Bergli» Hausarzt Benjamin Stettler-Gruntz besucht einen Patienten zu Hause. SRF

Oben angekommen, schaut er sich das Knie von Sepp an – das Gelenk ist okay, etwas anderes macht ihm Sorgen: «Du hast einen schnellen Herzrhythmus. Ich glaube, es ist gut, wenn du mitkommst.» Kurz darauf sitzt Sepp auf dem Beifahrersitz und wird in der Praxis ans EKG angeschlossen.

Auf sich allein gestellt

Während im Spital oder der Gemeinschaftspraxis der nächste Spezialist nur eine Tür weiter sitzt, ist man auf dem Land oft auf sich allein gestellt. Die Freiheit, Entscheide selbst zu fällen, wird zur grössten Herausforderung.

Ich kenne auch niemanden, der das heute als junger Mensch noch alleine macht.

Stettler-Gruntz ist sich unsicher wegen Sepps Herz. Er ruft eine befreundete Spezialistin an, um den Fall zu spiegeln. «Es ist cool, Kollegen zu haben, die man anrufen kann. Das hilft einem sehr im Alltag.» Um 19 Uhr fährt er den Computer runter und läuft im Laufschritt aus der Praxis - so schnell wie möglich heim zur Familie.

rec., SRF 2, 16.03.2026, 22:30 Uhr

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