Roland Schätti zeigt in den Abendhimmel. Weisse Streifen ziehen sich über das Blau. «Das sind Chemtrails», sagt er. Es seien keine gewöhnlichen Kondensstreifen von Flugzeugen. «Da wird Gift versprüht», ist er überzeugt.
Schätti ist diplomierter Landwirt und führt seit einem Jahr gemeinsam mit seiner Partnerin ein Bergrestaurant. Während der Pandemie protestierte er mit den Freiheitstrychlern gegen die Corona-Massnahmen und gab seinem Misstrauen gegen Staat, Medien und Politik Ausdruck. Der SRF-Reporter Donat Hofer hat Schätti damals mit der Kamera begleitet. Die Trychel steht vier Jahre später nur noch als Dekoration im Restaurant. Doch sein Blick auf die Welt ist weiterhin von Misstrauen geprägt.
«Wir werden verknechtet»
Während Schätti in der Restaurantküche seinen Kräutertee zubereitet, erzählt er von seinem Lebenswandel, den er seit der Pandemie durchgemacht hat. Zwanzig Kilo habe er abgenommen. Er lebe jetzt viel gesünder. Und das, weil Corona ihm die Augen geöffnet habe.
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Bild 1 von 4. «Das sind Chemtrails»: Roland Schätti ist überzeugt, dass Flugzeuge im Himmel Gift ablassen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Roland Schätti kocht seinen Kräutertee – nach der Pandemie hat er seinen Lebensstil radikal verändert. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. «Manchmal muss man den Mund halten»: Roland Schätti kann heute wieder besser mit seinem Sohn Dominik diskutieren. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Zusammen mit seiner Partnerin führt er ein Bergrestaurant im Kanton St. Gallen. Bildquelle: SRF.
Über Telegram sei er mit Menschen in Kontakt gekommen, die «kritisch denken». Dank ihnen habe er sich intensiv mit der Pharma- und Lebensmittelindustrie auseinandergesetzt. «Uns wird etwas verkauft, was uns nicht gut tut und uns verknechtet», glaubt er. Die Lebensmittelindustrie vergifte die Bevölkerung bewusst, damit die Pharmaindustrie daran verdiene.
Ein Drittel der Bevölkerung glaubt an Verschwörungen
Für ihn steht fest, dass hinter diesen Entwicklungen eine Verschwörung steckt. Eine geheime Elite diktiere das Weltgeschehen, würde Politik, Wissenschaft und Medien wie Marionetten steuern.
Roland Schätti ist mit seinem Verschwörungsglauben nicht alleine. Eine im Jahr 2024 veröffentlichte Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zeigt, dass 36.9 Prozent der Schweizer Bevölkerung eine Verschwörungsmentalität aufweisen. Die Befragten stimmen Aussagen wie «Es gibt geheime Organisationen, die grossen Einfluss auf politische Entscheidungen haben» oder «Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte» zu. In Deutschland ist diese Zahl ähnlich hoch.
Diese Menschen gehen davon aus, dass eine kleine Gruppe ihnen etwas Böses will.
«Das heisst aber nicht, dass dieses Drittel an Chemtrails oder andere konkrete Verschwörungstheorien glaubt. Sondern es ist eine Form des Denkens, eine Grundhaltung», erklärt Dirk Baier, Extremismusforscher und Autor der Studie. «Diese Menschen gehen davon aus, dass eine kleine Gruppe ihnen etwas Böses will.»
Wege in die Verschwörungsmentalität
Laut Baier gibt es unterschiedliche Gründe, warum ein solches Denken entwickelt wird. In persönlichen oder gesellschaftlichen Krisen können Verschwörungstheorien Halt, Orientierung und einfache Erklärungen liefern: «Sie sagen uns, wer schuld ist an der Situation, wer der Feind ist und warum der das gemacht hat. Das schafft Erleichterung.»
Ein weiterer Weg in Verschwörungsmentalitäten seien persönlichkeitsbezogene Merkmale, erklärt Baier. «Narzisstische Menschen springen sehr viel schneller auf Verschwörungstheorien an, weil sie ihnen das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein. Sie sind im Besitz der Wahrheit, und das hebt ihren Selbstwert.»
Bei der Frage, warum jemand eine Verschwörungsmentalität entwickle, spiele auch die Bildung eine Rolle. Menschen mit einer höheren Bildung halten Komplexität und Ambivalenzen eher aus und greifen seltener auf einfache Verschwörungstheorien zurück.
Kein Vertrauen in etablierte Medien
Roland Schätti zählt sich zu den «kritisch Denkenden». Er wisse um die schlimmen Machenschaften der Eliten, weil er sich täglich informiere und versuche, «hinters Buch» zu blicken.
Es gibt zu viele Pseudoexperten.
Seine Informationen bezieht Schätti grösstenteils aus alternativen Quellen. Neben Telegram nennt er «Auf1», einen österreichischen Online-Sender, dem unter anderem die Verbreitung von Verschwörungstheorien, Desinformation und rechtsextremen Inhalten vorgeworfen wird. «Ich versuche, mich selbst zu informieren», sagt Schätti. «Was ich wissen will, dem gehe ich nach. Den Rest lasse ich links liegen.» Expertinnen und Experten, wie sie in etablierten Medien auftreten, könne er nicht mehr vertrauen. «Es gibt zu viele Pseudoexperten», sagt er.
Narrative werden nachgeplappert
«Es ist häufig so, dass Menschen mit Verschwörungsmentalität zuerst dem misstrauen, was etablierte Wissenschaft, Medien sowie Expertinnen und Experten sagen», erklärt der Soziologe Dirk Baier. Sie würden aktiv nach alternativen Erklärungen suchen. Wenn sie ein Narrativ finden, das ihnen passt und mit der eigenen Meinung übereinstimmt, würden sie es nachplappern.
Abkopplung kann eine Radikalisierung zur Folge haben.
Das habe nichts mit kritischem Denken zu tun. In der verschwörungstheoretischen Szene gehe es auch häufig gar nicht um Wissen und Information, sondern darum, sich in den sozialen Medien mit Gleichgesinnten zu treffen, dort eine Heimat zu finden, geschätzt zu werden.
Kontakt mit Gleichgesinnten
Auch Roland Schättis soziales Umfeld hat sich verändert. Der Freundeskreis habe sich verkleinert. «Ich habe heute mehr Kontakt mit Leuten, die gleich denken wie ich.» Andere würden ihm ausweichen, sagt er während eines Fondueessens mit Freunden. Auch innerhalb der Familie habe es Konflikte gegeben, Diskussionen seien teilweise eskaliert. Inzwischen habe man aber einen Umgang gefunden: «Man muss manchmal einfach den Mund halten und die Meinung des anderen akzeptieren.»
Für Dirk Baier ist es wichtig, dass man miteinander im Gespräch bleibt und Beziehungen zu Menschen mit Verschwörungsmentalität nicht abbricht. So könne verhindert werden, dass sich Menschen abkoppeln und die Gesellschaft weiter zerfällt. Dann können Verschwörungsmentalitäten gefährlich werden. «Denn», so Baier, «die Abkopplung kann eine Radikalisierung zur Folge haben.»