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Phänomen Trainsurfing Tödlicher Kick auf dem Zugdach

Jugendliche klettern auf Züge und riskieren ihr Leben – schon vier Todesopfer gibt es im laufenden Jahr. Zwei ehemalige Trainsurfer erzählen, warum sie damit aufgehört haben.

Der Schrei auf dem Video geht durch Mark und Bein. Noah (Name geändert) liegt neben den Gleisen im Schotter, sein Bein verbrannt von einem Stromschlag aus der Oberleitung. Sekunden zuvor stand er noch auf dem Dach eines Zuges.

Der damals 17-Jährige entrinnt dem Tod im letzten Sommer nur um Haaresbreite – bei einem Trend, der ihm davor Adrenalin und Freiheit bedeutete: dem Trainsurfen.

«Ich habe wirklich kranken Scheiss gemacht. Ich kann mir diese Videos meiner Aktionen heute gar nicht mehr anschauen.» Kranker Scheiss: Treffender lässt sich das Hobby kaum beschreiben, das Beni (Name geändert) und Noah lange geteilt haben.

Beni und Noah auf dem Abstellgleis.
Legende: Anonym geben Beni und Noah Auskunft über ihr lebensgefährliches Hobby. SRF

«Wir warteten jeweils bis der Zug sich in Bewegung setzte und sprangen dann hinten auf die Kupplung.» Dutzende Male sind die beiden so mitgefahren – und haben sich dabei immer wieder in Lebensgefahr gebracht. Zuerst hingen sie nur hinten am Zug, sogenanntes «Backriding». Doch bald kletterten sie auf die Dächer der Waggons. Immer näher an die Starkstromleitung. An jene Leitung, die ein Leben in Sekundenbruchteilen beenden kann.

Vier Todesopfer im laufenden Jahr

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Dieses Jahr sind in der Schweiz bereits mehrere Teenager beim Klettern auf Züge durch Stromschläge ums Leben gekommen. Im Januar starb zunächst ein 14-Jähriger in Langenthal, kurz darauf ein 17-Jähriger in Zofingen, beide nachdem sie auf Güterwagen gestiegen waren und einen Stromschlag von der Oberleitung erlitten. Anfang Februar kam ein 18-Jähriger zwischen Lenzburg und Beinwil am See beim Trainsurfen ums Leben, als er auf dem Dach eines Regionalzugs zu nahe an die Stromleitung geriet. Und Anfang März verunfallte ein 19-Jähriger tödlich durch einen Stromschlag am Bahnhof Erstfeld.

Ihre Aktionen planten Beni und Noah minutiös. Sie studierten Strecken, analysierten Bahnhöfe und durchforsteten Trainspotter-Foren nach Informationen über verschiedene Zugkompositionen nach «Was kann man anfassen – und welche Teile lieber nicht».

Denn die «lieber nicht»-Teile führen Strom: Bis zu 15'000 Volt, das sind 65-mal mehr, als was aus einer Steckdose zu Hause kommt. Schon eine Annäherung an die Oberleitung kann reichen, um einen sogenannten Lichtbogen auszulösen und einen Körper in Sekundenbruchteilen zu verbrennen.

Tödlicher Lichtbogen

Wie gefährlich dieses Verhalten ist, erklärt Bruno Gugelmann von der SBB Intervention. Niemand könne genau abschätzen, ab wann man einer Hochspannungsleitung zu nahe komme. Deshalb solle man immer mindestens zwei Meter Abstand halten. «Es ist eine Gefahr, die hört man nicht, die sieht man nicht und die riecht man nicht», sagt der Standortleiter der SBB Intervention in Olten. Bereits wenn man der Leitung zu nahekommt, kann der Strom auf den Körper überspringen. Die Folgen sind schwere Verbrennungen, Amputationen oder der Tod.

Intervention SBB

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Die Intervention SBB ist eine Einsatzorganisation für Ereignisse auf dem Bahnnetz (zum Beispiel Unfälle oder Brände). Sie arbeitet eng mit Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten zusammen und übernimmt bahnspezifische Aufgaben wie Erdung von Fahrleitungen. Ziel ist ein sicherer Einsatz und die schnelle Wiederaufnahme des Bahnbetriebs.

Das musste auch ein Teenager im Aargau erfahren. Laut der Kantonspolizei Aargau war der junge Mann zusammen mit einem Kollegen am Bahnhof Lenzburg auf einen Zug gestiegen. Bei Beinwil am See geriet er zu nahe an stromführende Teile des Zuges. Der Stromschlag verletzte ihn tödlich und schleuderte ihn vom Dach des fahrenden Zuges.

Der Todesfall sei tragisch für Familie und Freunde, aber auch für jene, die danach ausrücken müssten, sagt Gugelmann. Nach solchen Unfällen steht nicht nur die SBB-Intervention im Einsatz: Auch Lokführer, Einsatzkräfte und Mitarbeitende werden mit dem Geschehen konfrontiert. «Ein solches Schicksal vor Ort zu erleben – das wünsche ich wirklich niemandem», sagt Gugelmann. Er warnt eindringlich davor, sich überhaupt in Gleisnähe zu begeben: «Ihr spielt mit eurem Leben. Und damit spielt man nicht.»

Mann von hinten mit Interventionsjacke.
Legende: Bei einem Zugunglück müssen sie ausrücken: Das SBB-Interventionsteam. SRF

Der verstorbene Teenager war in der Szene mit Beni und Noah vernetzt. Die Nachricht trifft die beiden hart. «Ich fühle mich mitschuldig», sagt Noah. «Er hat ja genau die Sachen gemacht, die ich auch gemacht habe.» Dann zieht er einen Vergleich: «Wenn ich jemandem eine Waffe verkaufe und der tötet damit jemanden, trage ich doch auch eine Verantwortung.»

Lebensgefahr für Likes

Das Schuldgefühl kommt nicht von ungefähr. Wie viele Trainsurfer filmten auch Beni und Noah ihre Aktionen und stellten sie ins Netz – Videos, die andere möglicherweise zum Nachmachen animierten. Eine Studie des Universitätsspitals Zürich («Burned for the Likes», 2025) zeigt: Soziale Medien wirken als Treiber. Sie verherrlichen das Zugsurfen und untergraben Warnungen vor den Gefahren.

Studie «Burned for the Likes» (USZ, 2025)

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Eine Studie des Universitätsspitals Zürich zeigt, dass Trainsurfing-Unfälle vor allem sehr junge Menschen betreffen und häufig zu schweren Verbrennungen durch Hochspannungsstrom führen. Die Betroffenen müssen oft lange im Spital behandelt werden. Gleichzeitig zeigt die Analyse: Videos auf Social Media verherrlichen das riskante Verhalten und können Jugendliche zum Nachahmen animieren.

Mit der Zeit wurde den beiden klar, wie fahrlässig ihr Verhalten gewesen war. Zuerst stellten sie ihren Account auf privat, inzwischen haben sie ihn ganz gelöscht. Und sie rufen im Interview andere aus der Szene dazu auf, es ihnen gleichzutun.

Dass sie heute so eindringlich vor dem Trainsurfen warnen, hat einen einfachen Grund: Noahs Unfall hat Spuren hinterlassen. Sie haben selbst erlebt, wie schnell aus einem Kick eine Katastrophe werden kann – eine falsche Berührung, und alles ist vorbei.

Unfall als Weckruf

Im letzten Sommer will Noah spontan einen Zug surfen. Er klettert auf das Dach, noch im Bahnhof streift sein Bein ein stromführendes Bauteil. Der Strom sucht sich einen Weg durch seinen Körper in den Boden. «Es waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je erlebt habe.»

Die Wucht schleudert ihn vom Zugdach in den Schotter neben den Gleisen. Adrenalin, Schmerz – beides gleichzeitig. «Es fühlte sich an, als würden meine Knochen von innen verbrennen. Als ob mein Blut im Bein kochen würde.»

Noah kämpft sich zurück aufs Perron und schreit um Hilfe. Danach wird alles verschwommen. Ein Pendler fährt ihn an, nennt ihn einen Idioten. «Ich verstehe das ja – es war dumm. Aber in dieser Situation noch angeschrien zu werden, ist hart.» Kurz darauf treffen Ambulanz, Polizei und die Rega ein. Noch auf der Trage wird er befragt. Danach liegt er zwei Tage im Spital. «Ich fühlte mich nicht mehr wie ein Mensch.»

Noah hat den Unfall mit einer GoPro-Kamera gefilmt. Der Schrei auf dem Video geht durch Mark und Bein. «Solche Videos müssen die Surfer sehen – die harte Realität», sagt Beni im Interview, beinahe wütend. «Sonst hören sie mit dem Scheiss nicht auf.»

Nach dem Vorfall muss sich Noah vor der Jugendanwaltschaft verantworten. Für ihn sei dies zwar das schmerzhafte Ende seines Wahns, zugleich aber auch ein Glück im Unglück gewesen.

 «Es hätte auch auf einem fahrenden Zug passieren können, bei 200 Stundenkilometern. Dann wäre ich jetzt weg.» Heute könne er kaum glauben, wie gefährlich seine Aktionen waren. Damals habe er sogar davon geträumt, einmal auf einen TGV zu klettern.

Ihr setzt so euer Leben aufs Spiel.
Autor: Beni Ehemaliger Trainsurfer

Bei Beni kommt das Ende später. Nicht durch einen eigenen Unfall, sondern durch einen tragischen Todesfall in Österreich. Eine 15-jährige Tschechin aus der Szene kommt beim Trainsurfen im Nachbarland ums Leben. Für ihn ist das der Moment, in dem er realisiert: Das will er niemandem antun – vor allem nicht seinen Eltern

Er appelliert deshalb an alle aus der Szene, die weiterhin lebensgefährliche Stunts auf Zügen durchführen: «Bitte hört damit auf. Eure Eltern haben euch grossgezogen, alles für euch getan – und ihr setzt so euer Leben aufs Spiel.» Wer auf Züge klettert, riskiere nicht nur sein Leben, sagt er, sondern auch seinen gesunden Körper.

SRF3, 25.03.26, 18 Uhr;liea

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