Der Arbeitstag beginnt früh. Kurz nach halb sieben treffen sich Maurer Carlos und sein Mitarbeiter Philip – genannt Fippi – an einer Tankstelle. Kaffee, Energydrinks und Zigaretten gehören zur Morgenroutine, bevor es weiter auf den Bauplatz geht.
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Bild 1 von 3. Der Tag beginnt früh am Morgen beim Einkauf an der Tankstelle. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Carlos und Fippi holen sich Kaffee, Energydrinks und Zigaretten. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Sie sind mit ihrem 2-Plätzer im Kanton Zug unterwegs. Bildquelle: SRF.
Dort angekommen, startet sofort der Takt der Baustelle: Material organisieren, telefonieren, mauern, koordinieren. Carlos führt mit 36 Jahren seine eigene Maurerfirma mit 25 Mitarbeitenden und arbeitet trotzdem täglich selbst auf dem Bau mit. «Ich bin permanent am Telefon oder am Arbeiten», so Carlos. Weil er zu wenig Mitarbeitende hat, packt er als Chef selbst mit an.
Die Baustelle funktioniert nur als Team. In Carlos’ Firma arbeiten Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen: Schweizer, Portugiesen, Bosnier, Italiener oder Mazedonier.
Eigentlich ist die Nationalität egal. Am Schluss ist es immer ein Mensch.
Rund 40 Prozent der Menschen auf Schweizer Baustellen sind laut Bundesamt für Statistik Ausländer. «Eigentlich ist die Nationalität egal. Am Schluss ist es immer ein Mensch.» Für Carlos spielt Herkunft keine Rolle. Entscheidend sei, dass die Arbeit funktioniere und sich alle aufeinander verlassen könnten.
Zwischen Energydrinks und Zigaretten
Maurer arbeiten im Akkord. Bezahlt wird nicht nach Stunden, sondern nach Leistung – also danach, wie viele Quadratmeter Mauerwerk gebaut werden. Das bedeutet ständigen Druck. Die Arbeit auf dem Bau ist körperlich extrem belastend.
Gewisse haben das Gefühl, es sei eine Drecksarbeit. Aber das ist es voll nicht.
Schwere Steine schleppen, stundenlang stehen, knien oder sich bücken – oft bei Regen, Hitze oder Kälte. Trotzdem sprechen viele Bauarbeiter mit Stolz von ihrem Beruf. «Gewisse haben das Gefühl, es sei eine Drecksarbeit. Aber das ist es voll nicht», so der 36-Jährige. Für ihn steckt hinter jeder gemauerten Wand Präzision und Erfahrung: «Wenn Leute später darin wohnen, schauen sie das nie so an wie wir.»
Nicht nur der Baustellenalltag belastet den Körper – oft leidet die Gesundheit auch am Drumherum: Denn Kaffee, Energydrinks und Zigaretten gehören für viele Bauarbeiter zur täglichen Routine. Während des Tages wird immer wieder geraucht – oft zwischen zwei anstrengenden Arbeitsschritten. Carlos weiss selbst, dass der Lebensstil auf dem Bau nicht besonders gesund ist: «Es rauchen brutal viele.»
Für uns wirkt eine Zigarette wie eine Entspannung.
Die körperliche Belastung, der Zeitdruck und der Stress seien konstant hoch. Rauchen werde für viele zu einer kurzen Pause im hektischen Alltag. «Für uns wirkt eine Zigarette wie eine Entspannung.» Dabei leidet der Körper ohnehin schon stark unter der Arbeit. Schweres Heben, monotone Bewegungen und lange Arbeitstage führen häufig zu Rücken- oder Gelenkproblemen. Trotzdem werde die eigene Gesundheit im Alltag oft hinten angestellt.
Rückenschmerzen gehören zum Alltag
Besonders sichtbar wird die körperliche Belastung bei Hilfsarbeiter Fippi. Seit über zehn Jahren arbeitet er mit Carlos zusammen. Er schleppt Material, mischt Mörtel und unterstützt die Maurer bei der Arbeit. Die Folgen spürt er längst: «Der ganze Rücken tut weh.» Massagen würden helfen, sagt er. Doch gönne er sie sich zu selten. Wenn die Schmerzen zu stark werden, bleibt er manchmal mehrere Tage zu Hause. Zum Arzt geht er ungern.
Trotz der Beschwerden möchte er weitermachen – möglichst bis zur Frühpensionierung mit 60 Jahren. Menschen auf dem Bau können wegen der hohen körperlichen Belastung früher pensioniert werden.
«Es sollte eigentlich jeder mehr verdienen für die körperliche Abnutzung», so Carlos. Maurer verdienen in der Schweiz durchschnittlich zwischen 5000 und 6000 Franken brutto pro Monat. Gleichzeitig fehlt es der Branche zunehmend an Fachkräften. Laut Schweizerischem Baumeisterverband könnten bis 2040 rund ein Drittel aller Maurerstellen unbesetzt bleiben.
Viele Bauarbeiter haben das Gefühl, dass ihre Arbeit unterschätzt wird. Statt Anerkennung erleben sie oft Beschwerden über Lärm oder Schmutz. Viele würden sich über Baustellen aufregen, ohne darüber nachzudenken, dass ihre Wohnungen oder Häuser ebenfalls einmal gebaut werden mussten.
Auch Vorurteile gegenüber dem Beruf seien noch immer verbreitet. Schon in der Schule habe man oft gehört: Wer schlecht sei, lande auf dem Bau. Die Branche bleibt für viele junge Menschen unattraktiv. Die Arbeit gilt als hart, laut und körperlich belastend.
Frauen bleiben auf Baustellen die Ausnahme
Auf Schweizer Baustellen arbeiten fast ausschliesslich Männer. In Carlos’ Team gibt es keine einzige Frau. «Ich habe noch nie eine Bewerbung von einer Maurerin erhalten», so der Halbspanier. Generell sind Frauen auf dem Bau selten. Bei Maurerberufen liegt ihr Anteil bei lediglich zwei bis vier Prozent.
Ein Grund dafür könnte auch die Kultur auf Baustellen sein. Nachpfeifen oder dumme Sprüche gegenüber Frauen gehören vielerorts noch immer zum Alltag. «Das gehört manchmal dazu», so Fippi. Gleichzeitig merken viele Arbeiter selbst, dass dieses Verhalten problematisch ist. Die Baustelle bleibt ein raues Umfeld – sowohl sprachlich als auch körperlich.
Gefahr auf der Baustelle
Neben der körperlichen Belastung gehört auch das Unfallrisiko zum Alltag. Carlos und Fippi erzählen von schweren Unfällen, die sie miterlebt haben. Einmal sei Material von einem Kran gefallen – direkt auf einen Arbeiter. «Grad tot gsi», erzählt Fippi.
Deshalb seien Sicherheitskontrollen heute streng, erklärt Carlos. Es gebe regelmässige Schulungen, Vorschriften und Kontrollen durch die Suva. Trotzdem passieren immer wieder kleinere Unfälle wie eingeklemmte Finger, Verstauchungen oder Stürze. Gerade unter Zeitdruck steige das Risiko. Carlos erzählt, dass Fristen auf Baustellen immer enger würden. Dadurch nehme auch der Stress zu – und damit die Gefahr von Fehlern oder Unfällen.
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Bild 1 von 3. Fippi und Carlos arbeiten schon seit über zehn Jahren als Duo auf der Baustelle. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Fippi bereitet alles für Carlos vor: Mörtel, Steine und Material. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Die beiden Freunde sind zusammen aufgewachsen im Kanton Zug. Bildquelle: SRF.
Trotz körperlicher Belastung, Zeitdruck und fehlender Wertschätzung würden viele Bauarbeiter ihren Beruf trotzdem gerne machen. Auch Carlos kann sich keinen anderen Job vorstellen: «Ich habe einfach einen gewissen Berufsstolz.» Der Beruf sei anstrengend, aber gleichzeitig erfüllend: «Es ist schon geil, wenn du am Ende vom Tag siehst, was du gemacht hast.»
Baustellen bleiben laut. Sie bleiben dreckig. Doch hinter den Bauzäunen stehen Menschen, die täglich körperliche Höchstleistungen erbringen – damit andere wohnen, arbeiten oder leben können.