Einheitsbrei beim Gemüse: Was man über Saatgut wissen muss

Viele Hobbygärtner kaufen Saatgut in den bunten Samenbriefchen aus dem Detailhandel. Der grösste Teil dieser Samen kommt aus dem Ausland und stammt teilweise von Grosskonzernen. Die Herkunft der Samen bleibt aber verborgen. «Kassensturz» zeigt, worauf Konsumenten achten können.

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Einheitsbrei beim Gemüse: Was man über Saatgut wissen muss

16 min, aus Kassensturz vom 16.4.2013

In den Gartencentern füllen die bunten Samen-Briefchen ganze Regalwände. Was vielen Kunden nicht bewusst ist: Die Firmen, welche solche Briefchen anbieten, sind in der Regel keine Samenproduzenten. Sie kaufen die Samen bei Grosshändlern ein, füllen sie ab und bringen sie in der Schweiz in Verkehr.

Woher die Samen kommen, geben die Händler meist nicht an. Das liegt daran, dass die Deklaration von Züchter oder Herkunftsland gesetzlich nicht vorgeschrieben ist. In vielen Fällen könnte dies auch kompliziert werden. Die Herkunft der Samen kann nämlich von Lieferung zu Lieferung ändern.

Nur wenige Samen kommen aus der Schweiz

«Das ist ein grosses Geschäft mit verschiedensten Lieferanten, die das Saatgut züchten und dann vermehren», sagt dazu Maurin Oberholzer von der Firma Wyss Samen und Pflanzen. Wyss füllt Samen für Coop ab und bietet diese unter Markennamen «Select» Samen an. Ein Drittel der Samen komme aus der Schweiz. Die anderen kommen teilweise von weit her.

Fenchelsamen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch Fenchelsamen wird oft im Ausland produziert. SRF

«Die Pflanzen müssen ausreifen, im richtigen Moment geerntet und gedroschen werden. Dafür ist die Saison in der Schweiz relativ kurz», erklärt Maurin Oberholzer. Beim Einkauf müsse sich die Firma dem Angebot anpassen. Deshalb haben Wyss ganz verschiedene Herkunftsländer bei den Samen «In Zentralamerika wird viel vermehrt. Es kann auch Afrika sein, bei den Bohnen zum Beispiel oder Kalifornien, das auch diverse Gemüse produziert», sagt Maurin Oberholzer.

Einheimische Sorten sind rar

Bei Samen Mauser, dessen Briefchen in vielen Läden erhältlich sind, heisst es, man kaufe die Samen in Europa ein. Wo die Mutterpflanzen angebaut und die Samen vermehrt werden wisse Mauser aber nicht. Bei UFA Samen, die bei Landi oder Volg erhältlich sind, kommen rund 5 Prozent der Samen aus der Schweiz, vor allem im Bio-Bereich.

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Hybride: Samen für eine Saison

Wer von seinen Pflanzen eigenes Saatgut gewinnen und dieses später wieder aussäen möchte, sollte gezielt nach «samenfesten» Sorten fragen. Manche Samen sind als «Hybride» oder mit dem Kürzel «F1» gekennzeichnet. Diese Samen können Gärtner nicht selbst vermehren. Sie müssen immer wieder neu gekauft werden.

Keine Fragen zur Herkunft stellen sich bei der Firma «C. und R. Zollinger» in Les Evouettes VS. Samenzüchter Robert Zollinger stellt Saatgut von 350 verschiedenen Sorten in der Schweiz her, fast ausschliesslich seltene, einheimische Sorten, die sonst nicht mehr verkauft werden. Robert Zollinger sagt, der Markt für Gemüsesamen habe sich stark verändert.

Markt ist in den Händen weniger

«Wir haben ein paar wenige multinationale Konzerne, die Sorten züchten, die möglichst weltweit verkauft werden. Viele kleine oder mittelständische Zuchtbetriebe fielen aus dem Markt», so Zollinger. Mit den Züchtern seien jeweils auch viele Sorten verloren gegangen. «Ein guter Züchter hatte vielleicht 10 bis 20 gute Sorten», sagt Robert Zollinger. Er schätzt, dass in den letzten fünf bis sechs Jahrzehnten so Hunderte regional angepasster Sorten aus dem Handel verschwunden sind.

Die Folgen dieses Konzentrationsprozesses zeigen sich vor allem auf globaler Ebene. Weltweit ist immer mehr Saatgut in den Händen von immer weniger Firmen, sagt Toralf Richter, Agronom und Marktforscher, der eine Studie zu den Strukturen im Saatgut-Markt erstellt hat. 1996 verkauften die drei grössten Saatgut-Konzerne noch 22 Prozent allen Saatgutes weltweit. 2009 waren es schon 53 Prozent.

Züchter sind im Internet registriert 

Der Agronom erklärt: «Chemie-Unternehmen haben in den letzten Jahren Züchtungsfirmen gekauft, so dass sie den Bauern heute vom Saatgut über den Dünger bis hin zum Pflanzenschutzmittel ein Komplettpaket anbieten.» Dadurch steige aber die Abhängigkeit der Bauern von diesen Unternehmen.

Auch für Konsumenten könnte dies in Zukunft Auswirkungen haben. Für sie sinke das Angebot an verfügbaren Sorten. «Schlussendlich können dann zwei bis drei Unternehmen entscheiden, was wir auf unsere Teller legen. Das ist dann vielleicht nicht Coop oder Migros», sagt Toralf Richter.

Die Anbieter von Hobby-Samen halten fest, es gebe noch genügend Alternativen beim Einkauf, die grossen Saatgut-Multis spielen nur eine marginale Rolle. Aber: Auch Hobby-Gärtner können auf Samen von Saatgut-Multis treffen, ohne dass sie es ahnen. Auf den bunten Briefchen fehlen zwar Informationen über den Züchter. Mit dem Namen der Sorte können Käufer aber in einer EU-Datenbank den Züchter nachschlagen.

Samen-Anbauer in der Schweiz

Für die Kunden ist die Herkunft der Samen nicht transparent. Ausnahme: Bio-Samen – hier ist die Deklaration der Herkunft Pflicht. Wer sonst auf die Herkunft achten möchte, kann auf die wenigen Firmen ausweichen, die noch Samen in der Schweiz anbauen. Die beiden Bio-Sämereien «C. und R. Zollinger» und Sativa Rheinau vertreiben selbst Samen in eigenen Briefchen.

Oder Konsumenten können nach Sorten der Saatgut-Firma Delley fragen, die teilweise bei anderen Händlern erhältlich sind. Ein weiterer Vorteil: Diese Produzenten haben auch lokale Sorten im Angebot, die sonst teilweise gar nicht mehr im Handel erhältlich sind.

Viele seltene Sorten finden sich auf dem Nischenkatalog des Bundesamts für Landwirtschaft.

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Studiogespräch mit Béla Bartha von Pro Specie Rara

7:10 min, aus Kassensturz vom 16.4.2013