Palmöl in unseren Lebensmitteln: Der versteckte Klimakiller

Ob Pizza, Shampoo oder Schokoriegel: Überall steckt Palmöl drin. Das weltweit wichtigste Pflanzenöl ist zwar günstig, hat aber einen hohen Preis für Mensch, Tier und Klima. Der «Kassensturz»-Report aus Borneo zeigt die verheerenden Folgen der Regenwaldrodungen und dokumentiert den Weg des Öls.

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Palmöl in unseren Lebensmitteln: Der versteckte Klimakiller

17 min, aus Kassensturz vom 19.1.2016

Seit 1. Januar gilt die Deklarationspflicht. Steckt Palmöl in einem Lebensmittel, muss es als Zutat namentlich erwähnt werden. Und an Produkten fehlt es nicht: Margarine, Lasagne, Biscuits und Knuspermüesli, viele Lebensmittel werden mit Palmöl hergestellt.

Was der interessierte Konsument nicht erfährt: wo und unter welchen Umständen das Palmöl angebaut wurde. Seit Jahren steht Palmöl wegen seinen miserablen Produktionsbedingungen in der Kritik.

Malaysia – wichtigster Palmöllieferant der Schweiz

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Wo Palmöl drin ist

Wo Palmöl drin ist

Palmöl ist in vielen Produkten versteckt Zur Bildergalerie

Das Palmöl gelangt roh oder bereits verarbeitet zu den Schweizer Produktionsbetrieben. Von den jährlich rund 30‘000 importierten Tonnen Palmöl geht der Grossteil aufs Konto von Malaysia. «Kassensturz» schaute sich vor Ort die Produktionsbedingungen an. Schauplatz: der Bundesstaat Sarawak auf Borneo.

Dort treffen wir Baptiste Laville, einen Experten des Bruno Manser Fonds BMF. BMF-Gründer Bruno Manser setzt sich für den Regenwald und dessen indigenen Bewohner ein. Seit 16 Jahren ist Bruno Manser verschollen, die Organisation kämpft weiter. Der Einsatz ist dringend nötig.

Eine Ölmaschine mit Zerstörungspotential

Der Geograf führt «Kassensturz» in ein Dorf vom Stamm Penan. Der Volksstamm kämpft seit Jahren um Landrechte und gegen die Regenwaldzerstörung. Auf dem Weg ins Landesinnere fahren wird stundenlang an gigantischen Palmöl-Plantagen vorbei, Baptiste Laville kennt die Gründe für diesen «Ölboom»: «Eine einzige Ölpalme produziert jährlich 300 kg Früchte, das ist eine richtige Ölmaschine.» So produktiv ist keine andere Ölpflanze.

Und die Industrie schätzt das Öl wegen seiner Konsistenz und guter Verarbeitbarkeit. Aber die Herstellung hat grosse Schattenseiten. Bevor auf Sarawak die gigantischen Plantagen angepflanzt werden, mussten viele wertvolle Torfböden trockengelegt werden. Und die Palmöl-Plantagen sind Monokulturen.

Rund um den Stamm der Bäume wächst nichts mehr: Palmöl-Plantagen brauchen viel Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel, erklärt Baptiste Laville: Der Pesitzideinsatz ist ein grosses Thema. Diese Monokulturen sind per Definition schwach und benötigen grosse Mengen an «Medikamenten». Das ist eine grosse Belastung für andere Pflanzen, den Boden und Gewässer.

Auf Kosten des Regenwalds

Wir fahren weiter ins Innere von Borneo. Hinter den ersten Bergketten die böse Überraschung. Ein riesiges, gerodetes Stück Wald. Verlassen stehen noch ein paar Baumstrünke, der Boden trocknet aus, es fehlt der Schatten der hohen Bäume. «Oft werden Palmöl-Plantagen auf diese Art und Weise angebaut. Aus Giergründen, für maximale Erträge, holzt man den Regenwald komplett ab», weiss BMF Experte Baptiste Laville.

Die weltweiten Flächen an Regenwald schrumpfen täglich, auch wegen der expandierenden Palmöl-Industrie. Dabei ist der Regenwald fürs globale Klima von immenser Bedeutung. Er speichert grosse Mengen an CO2.

Bruno Manser würde weinen

Nach langer Reise treffen wir im Dorf der indigenen Penan ein. Für sie hat sich Bruno Manser eingesetzt. Tanyd, ein junger Einheimischer, führt uns zu einem Stück intakten Regenwald. Aber dieses Paradies für Mensch und Tiere wie Orang-Utans ist bedroht. Die Plantagen rücken immer näher.

Was würde wohl Bruno Manser zu dieser Entwicklung sagen würde? Baptiste Laville: «Bruno Manser würde weinen. Die Situation wird noch schlimmer.» Das zeigte sich auch im letzten Herbst auf dem indonesischen Teil Borneos. Auf Kalimantan wurde für den Palmölanbau Regenwald brandgerodet.

Die Feuer gerieten ausser Kontrolle und lösten ein Umweltdesaster aus. Der Rauch brachte in weiten Teil Mensch und Tier in Lebensgefahr. Kaum waren die Brände gelöscht, wurden bereits junge Palmöl-Pflanzen gesetzt.

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App entlarvt Palmöl

App entlarvt Palmöl

Die App «Codecheck» zeigt, in welchen Produkten problematisches Palmöl oder Mikroplastik verborgen ist. Zum Artikel

Reaktion der Lebensmittelbranche

Konfrontiert mit diesem brandschwarzen Seiten der Palmöl-Produktion, sagen Schweizer Firmen aus der Lebensmittelindustrie und dem Detailhandel, sie würden ausschliesslich nachhaltiges Palmöl beschaffen. Swissolio, der Verband schweizerischer Hersteller von Speiseölen, beispielsweise schreibt «Kassensturz»: «Das durch unsere Mitglieder importierte Palmöl/Palmkernöl ist zu 100% physisch nachhaltig.»

Auch Migros, Coop und andere Detailhändler verweisen auf das Label RSPO. Viele in der Schweiz verkaufte Lebensmittel mit Palmöl stammen aus dem Ausland. «Nutella», Schockoriegel oder Fertiglasagne: Ob das verwendete Palmöl zertifiziert ist, steht nicht auf der Verpackung.

Auf Anfrage von «Kassensturz» versprechen die Hersteller wie Unilever, Mondelez oder Ferrero, das verwendete Palmöl sei nachhaltig, gemäss RSPO. Die Abkürzung steht für den «Roundtable on sustainable palm oil» und garantiert die nachhaltige Palmölproduktion. RSPO steht aber auch in der Kritik. Für Greenpeace Schweiz ist das Label ein Etikettenschwindel: «RSPO schliesst nicht aus, dass das Palmöl aus Regenwald und/oder Torfbodenzerstörung kommt.»

Kann Palmöl überhaupt nachhaltig sein?

Greenpeace Schweiz geht hart mit dem RSPO Label ins Gericht: «RSPO ist von der Industrie dominiert. So wie es sich heute präsentiert, ist das Label ein Etikettenschwindel: Es schliesst nicht aus, dass das Palmöl aus Regenwald- und/oder Torfbodenzerstörung kommt. Wirtschaftliche Interessen werden stärker gewichtet als soziale und ökologische. Und: Solange nicht alle Konzessionen sowie die ganze Liefer- und Produktionskette transparent gemacht werden, auch die der vielen Zwischenhändler, solange fehlen seriöse und unabhängige Kontrollmechanismen.»

Migros, RSPO Gründungsmitglied «Wir finden die Kritik von Greenpeace nicht fair. RSPO ist bis heute das einzige Instrument zur Förderung nachhaltiger Palmölplantagen, das auch soziale Aspekte und die Menschenrechte abdeckt. Die Gründungsmitglieder, unter anderem die Migros und der WWF, haben damit eine wichtige Basis geschaffen. Erstmals ist es gelungen, dass alle wichtigen Akteure der Wertschöpfungskette an einem Tisch versammelt sind und sich alle auf verbindliche Kriterien geeinigt haben. Dies ist eine Leistung. Wir sind uns jedoch bewusst, dass RSPO der Anfang ist und die Entwicklung weiter gehen muss. Deshalb setzen wir uns innerhalb des RSPO für die Verbesserung und Verschärfung der Kriterien ein.»

Coop: «RSPO ist ein Mindeststandard. Wir sind auch der Meinung, dass dieser noch nicht so weit ist, wie wir uns dies wünschen. Aber RSPO ist der einzige Standard für Palmöl, der breit anwendbar ist, und damit ein grosser Fortschritt. Deshalb setzen wir auf RSPO als Mindeststandard und engagieren uns gleichzeitig dafür, dass die Anforderungen verschärft werden. Der RSPO hat zudem einen grossen Vorteil: Er wurde mit allen Beteiligten gemeinsam erarbeitet – mit NGOs und mit Plantagenbesitzern und mit vielen anderen, wie z.B. dem Detailhandel. Das ist aufwändig und es braucht auch Kompromisse und Einsatz, um den Standard weiterzuentwickeln.»

WWF, RSPO Gründungsmitglied: «Der RSPO ist ein Mindeststandard, der die Rodung von Primärwäldern und Wäldern mit hohem Naturschutzwert untersagt. Der Palmölanbau auf Torfböden untersteht Richtlinien und sollte generell vermieden werden. Alle RSPO-zertifizierten Plantagenflächen sind öffentlich publiziert. Nicht alle Standards des RSPO entsprechen den Forderungen des WWF. Wir haben die Standards öffentlich kritisiert und setzen uns für deren Verschärfung ein, dies auch zusammen mit Greenpeace. Der WWF ist davon überzeugt, dass ökologische Probleme nur zusammen mit den beteiligten Unternehmen gelöst werden können. Heute beträgt der Anteil von RSPO-zertifiziertem Palmöl am globalen Markt bereits 20 Prozent.»