Kriegsenkel oder die Last des historischen Erbes

  • Freitag, 10. Februar 2017, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Freitag, 10. Februar 2017, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Freitag, 10. Februar 2017, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Sie sind nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geboren, und dennoch ist ihr Leben noch immer vom Schrecken von damals geprägt: die Kriegsenkel. Heute machen sie ihre leidvollen Erfahrungen als Kinder der traumatisierten Kriegskinder zunehmend zum öffentlichen Thema – auch literarisch.

So haben sich in der jüngeren Vergangenheit Romane gehäuft, in denen sich Enkel literarisch auf Spurensuche nach der Geschichte der eigenen Familie begeben. Auffällig viele Autorinnen und Autoren schildern derzeit in feinfühligen Romanen, wie sie lange tabuisierten Verstrickungen ihrer Vorfahren mit dem NS-Terror nachgehen.

Das Ziel der Suche ist immer dasselbe: Klarheit gewinnen, was damals tatsächlich geschehen ist und dadurch auch mit sich selbst ein Stück weit Frieden schliessen: Oft war nämlich die Kindheit der Kriegsenkel beeinträchtigt von den Traumata ihrer Eltern, die ihrerseits zur Zeit des Nationalsozialismus geboren wurden, das Erlebte nie verarbeiten konnten und es auf die Enkelgeneration übertrugen.

Beiträge

  • Das Trauma der Enkelgeneration

    Die Kriegsenkel wurden zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren geboren. Ihre Kindheit war oft geprägt von den unverarbeiteten Traumata ihrer Eltern während des Kriegs.

    Die Berliner Psychotherapeutin und Coachin Ingrid Meyer-Legrand hat sich auf die psychische Problematik von Kriegsenkeln spezialisiert.

    Sie sagt, Kriegsenkel hätten oft prügelnde Väter und kühle Mütter erlebt. Oft würden sie zudem bis heute von Schuldgefühlen geplagt, weil es ihnen nicht gelungen sei, die emotionale Not ihrer Eltern zu lindern. Zudem seien sie oft rastlos und suchten nach einem Platz in ihrem Leben.

    Felix Münger

  • Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun?

    Der Schweizer Journalist Sacha Batthyany schildert in seinem packenden Buchdebüt die Auseinandersetzung mit der eigenen Familie: Eine Grosstante war kurz vor Kriegsende in eine Massaker an Juden verstrickt.

    Die Recherchen in der Vergangenheit entpuppen sich für den Autor mehr und mehr als Suche nach sich selbst.

    Buchhinweis:Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun? Kiepenheuer & Witsch 2016.

    Felix Münger

  • Die Spurensuche der Literaten

    Naomi Schenck, Stefan Slupetzky oder Raymond Unger - zahlreiche deutschsprachige Autorinnen und Autoren schildern derzeit in ihren neuen Romanen die Suche nach der Vergangenheit ihrer Eltern und Grosseltern zur Zeit des Nationalsozialismus.

    Kennzeichnend ist, dass sie sich selbst und ihre Befindlichkeit gegenüber den oft tabuisierten Ereignissen der Familiengeschichte ins Zentrum stellen: Wie haben die Erlebnisse der Vorfahren das eigene Leben beeinflusst?

    Felix Münger

  • Das Potenzial der Kriegsenkel

    Die auf Kriegsenkel spezialisierte Psychotherapeutin Ingrid Meyer-Legrand erklärt, wie sie in ihrer Berliner Praxis mit Kriegsenkeln deren Biographie aufarbeitet.

    Stets gehe es darum, sagt sie, einerseits die Traumata aufzuarbeiten, andererseits aber auch die spezifischen Fähigkeiten der Kriegsenkel sichtbar zu machen.

    Dazu zählten in der Regel etwa ein überdurchschnittliches berufliches Engagement, ein grosses Empathievermögen und ausgeprägte Führungsfähigkeiten.

    Felix Münger

Autor/in: Felix Münger, Moderation: Monika Schärer, Redaktion: Michael Sennhauser