«Der verhinderte Schauspieler» von Arnold Kübler 1/8

Das 1934 erschienene Romandebüt des Schweizer Unikums und Allroundkünstlers Arnold Kübler. Ein messerscharfes und hochkomisches Sittenbild aus der Zwischenkriegszeit um einen starrsinnig-kauzigen Antihelden. Neu produziert von SRF 2 Kultur als rund sechsstündige Lesung in acht Folgen mit Ueli Jäggi.

Arnold Kübler
Bildlegende: Arnold Kübler SRF

«Raben Drahtzaun» heisst der kauzige Protagonist dieser tragikomischen Geschichte, ein wahrhaft sprechender Name. Ein Quadratschädel ist er, ein sturer Bock von Haus aus. Der kehlig-knarzende Zungenschlag des helvetischen Bauernsohns klingt naturgemäss wie das Krächzen von schwarzem Federvieh. Zumindest hört er sich selbst so, und so ächzt er schwer unter der Last seiner phonetischen Herkunft.

Erst recht, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, als Schauspieler im deutschen Nachbarland ein Publikum von der Bühne herab zu beglücken. In der gehassten Heimat war seine wichtigste Rolle am städtischen Zürcher Theater der Esel im Märchen vom gestiefelten Kater, dort konnte er herrlich «I-Ah» krächzen. Aber dann, geflohen ins Land der Dichter und Denker, erkauft er sich mit seinen harten Schweizer Franken ein Engagement als «erster Männerspieler» auf der Provinzbühne von Örlewitz, und das Fiasko nimmt seinen Lauf. Den Herzog Alba in Goethes «Egmont» darf er geben im neu zusammengewürfelten Ensemble. Wochenlang übt er in seiner winzigen Mietskammer, bemuttert von zwei krummrückigen kriegsgebeutelten Schwestern, vorm Spiegel Posen, malträtiert seinen knarzigen Sprechapparat beim Versuch, echte hochdeutsche Laute herauszuquetschen. Doch bei der Premiere kommt der heisere Mime kaum über ein Krächzen hinaus zum Spott seiner Zuschauer und der örtlichen Fachpresse und zum Ärger der Theaterleitung.

Doch dieser erste Misserfolg hält Drahtzaun von nichts ab, auch nicht der Entzug des Titels «erster Männerspieler». Jetzt erst recht, denkt er sich bockig. Er weiss ja selbst um seine helvetisch verunreinigte Zunge. „Weiter üben lautet die Devise. Der Traum von der Beherrschung der reinen deutschen Sprache, vom erhabenen Singen heiliger Dichterworte wächst sich in Rabens Quadratschädel zu einer unheilvollen Obsession aus. Nichts weniger als, dass «das Weltall erschauert», setzt er sich als Ziel künftigen Sprechens und Seins. Dieser heiligen Mission verpflichtet stolpert der arme Siäch unermüdlich wie sein spanischer Geistesbruder Don Quichotte quer durchs kriselnde Europa der wirren Zwischenkriegsjahre des letzten Jahrhunderts, von Örlewitz nach Dresden, von Dresden nach Berlin, von Berlin nach Paris, nach Rom, nach Sizilien, zurück nach Berlin und zwischendurch immer wieder als Fremder in die Heimat, ins «verhasste Land Helvetien».

Zwischenzeitliche Freundschaften, wie die mit einem pfiffigen Schauspielerkollegen, dem Juden Lukar, schmeisst der Sturkopf einfach weg. Alle menschlichen Gewohnheiten und Regungen, normales Leben in der Gesellschaft, eine fast geglückte Liebe mit der wunderbaren Kathrin in Paris, stehen ihm im Weg. Alles muss er jedes Mal nach anfänglicher Euphorie kaputt machen, wegschieben, hinter sich lassen.
Auf seinem «Weg ans Licht» steht sich der verhinderte Schauspieler am bitteren Ende selbst in eben jenem.

Arnold Kübler (1890 1983), geboren als Bauerssohn in Wiesendangen, brach nach dem Gymnasium ein Geologiestudium und eine Bildhauerlehre ab, ging auf Reisen und versuchte sich nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland als Schauspieler. Eine Narbe quer durchs Gesicht in Folge eines Ärztepfuschs zwang ihn 1926 zur Aufgabe dieser Laufbahn. Stattdessen reüssierte er als Theaterautor in der deutschen Hauptstadt. Zurückgekehrt in die Schweiz leitete er von 1929 bis 1941 die neu gegründete Zürcher Illustrierte und wurde zum Mentor eines modernen Fotojournalismus. 1941 erfand er die Monatszeitschrift Du, leitete sie sechzehn Jahre lang und machte sie zu einer einzigartigen Institution des kulturellen Lebens, nicht nur der Schweiz. Ab den sechziger Jahren betätigte er sich als Zeichner, Schriftsteller und trat mit großem Erfolg als Einmannkabarett wieder auf die Bühne. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören der graphisch-literarische Reisebericht Paris Bâle à pied sowie die vier autobiographischen Öppi-Romane zu den erfolgreichsten. Mit ihm starb 1983 in Zürich eine der eigensinnigsten Figuren unter den helvetischen Kulturmenschen.

Sprecher: Ueli Jäggi - Lesefassung und Regie: Mark Ginzler - Produktion: SRF 2013 - Dauer: 36'

Redaktion: Mark Ginzler