Vollnarkose – Fakten statt Vorurteile

40 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben Angst vor einer Vollnarkose. Doch noch nie war die Narkose so sicher wie heute. Zehn Fakten, die die Sorgen nehmen könnten.

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Narkose - Zu unrecht gefürchtet

19 min, aus Puls vom 18.4.2016

1. Kann ich an einer Narkose sterben?

Diese Sorge ist zwar weit verbreitet, aber nicht sehr begründet. Statistisch gesehen liegt die narkosebedingte Sterblichkeit bei 1:100'000 oder 1:200'000 und damit auf sehr tiefem Niveau. Die Anästhesie ist eine Sparte der Medizin, in der der Sicherheitsgedanke seit über 50 Jahren Standard ist – vergleichbar mit der Flugindustrie.

Mit massiven Anstrengungen und sehr grossem Erfolg konnten die Risiken immer weiter minimiert werden. Insbesondere dank der Entwicklung von besser verträglichen, kurz wirksamen Medikamenten sowie der fachärztlichen Weiterbildung sank die Todesrate von 1960 bis heute um mindestens den Faktor 100 – und das, obwohl heute schwere Eingriffe häufiger sind wie Transplantationen, Säuglingschirurgie oder offene Herzoperationen, die 1960 noch in den Kinderschuhen steckten.

2. Schlafe ich während der Narkose tief genug?

Die Narkosetiefe können Ärzte gut anhand einfacher Parameter abschätzen. Anzeichen liefern die permanente Kontrolle der Herzfrequenz, des Blutdrucks, der Atemgase und der Pupillengrösse. Aus dem Verlauf können Narkoseärzte verlässlich sagen, ob der Patient genügend tief narkotisiert ist.

3. Kann ich während der Narkose auch aufwachen?

Ja, wenn der Anästhesist die Schlaftiefe falsch einschätzt beziehungsweise zu wenig Anästhesiemittel gibt. Dies ist aber selten der Fall. In Ausnahmesituationen wird bewusst eine «oberflächliche», aber möglichst schmerzfreie Anästhesie durchgeführt, zum Beispiel bei einer Narkose für einen Kaiserschnitt.

4. Warum soll man bei einer Narkose nüchtern sein?

Eine Vollnarkose versetzt den Körper in einen künstlichen Tiefschlaf. Dabei werden neben dem Schmerzempfinden und dem Bewusstsein unter anderem der Schluck- und Hustreflex ausgeschaltet. Somit steigt die Gefahr, dass Mageninhalt in den Rachen gelangt. Dieser kann eingeatmet werden und eine Lungenentzündung verursachen.

Deshalb gilt: Sechs Stunden vor dem Eingriff nichts mehr essen, zwei Stunden vorher nichts mehr trinken.

5. Wie ist es mit Übelkeit und Erbrechen nach der Operation?

Nach einer Operation wird es hierzulande zwischen 20 und 30 Prozent der Patienten schlecht. Neben Schmerzen ist die Übelkeit somit die wichtigste postoperative Nebenwirkung.

Verschiedene Studien belegen, dass Frauen ein höheres Risiko für postoperative Übelkeit und Erbrechen haben. Zudem wird Nichtrauchern doppelt so oft übel wie Rauchern. Eine Erklärung gibt es für beide Fälle jedoch noch nicht.

Vorbeugende Massnahmen wie zum Beispiel die medikamentöse Prophylaxe und die Wahl des Anästhesieverfahrens können helfen, das Problem zu verhindern.

6. Welche Patienten sind herausfordernd für eine Vollnarkose?

Patienten mit ernsten Vorerkrankungen, welche das Anästhesierisiko erhöhen. Hierzu zählen ausgeprägte Herzschwäche, Herzinfarkte oder Schlaganfälle in der Anamnese. Herausfordernd, insbesondere für das Atemwegsmanagement, sind Patienten mit hohem BMI oder auch Erkrankungen des oberen Magen-Darmtraktes. Die Aspirationsgefahr – also die Gefahr, dass Magensaft in die Atemwege gelangt, was zu einer Lungenentzündung bis hin zum Lungenversagen führen kann – ist hier erhöht.

7. Kann ein krankes Herz bei der Narkose Schaden nehmen?

Auch ein krankes Herz erträgt die moderne Narkose im Allgemeinen sehr gut. Die modernen, gut steuerbaren Anästhetika, das ausgebaute High-Tech-Monitoring und das Verständnis der Anästhesie-Ärzte über die Funktionsweise des erkrankten Herzens erlauben es, auch bei Patienten mit Herzkrankheiten sichere Narkosen zu machen.

Das geht so weit, dass heute bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit und einem zusätzlichen Leiden nicht mehr zuerst die Herzkranzgefässe behandelt werden, sondern zuerst das Zweitleiden therapiert wird und die Herzkranzgefässe erst nachher operiert werden.

8. Werden Kinder anders unter Vollnarkose gesetzt?

Die Einleitung bei Kindernarkosen erfolgt oftmals anders als bei Erwachsenen. Eine inhalierte Einleitung mit Narkosegas ist gängig, wenn sich ein venöser Gefässzugang als schwierig erweist. Hierfür eignen sich Narkosegase, welche die Atemwege nicht reizen. Früher war dies Halothan, heute ist es das Sevofluran. Alle anderen Medikamente die es bei einer Narkose braucht (Schmerzmittel etc.) sind durchaus vergleichbar mit der Anästhesie bei Erwachsenen.

9. Machen Narkosen «dumm»?

Nein, eine Narkose macht nicht dumm. Allerdings ist bekannt, dass eine Anzahl von Patienten nach Operationen eine Zeit lang Unkonzentriertheit, rasche geistige Ermüdbarkeit oder ein eingeschränktes Erinnerungsvermögen zeigen. Dieser Zustand dauert in der Regel einige Tage, kann in Einzelfällen aber auch Monate anhalten.

Wissenschaftler machen hierfür eine Entzündungsreaktion durch das operative Trauma und Narkotika verantwortlich. Der genaue Einfluss der Narkotika ist jedoch noch nicht im Detail erforscht.

10. Ist eine Teilnarkose eigentlich besser als eine Vollnarkose?

Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Es gibt Operationen am Herzen oder am Hirn, die nur mit Vollnarkose möglich sind. Zu Operationen, bei denen eine Voll- und eine Teilnarkose möglich sind, laufen derzeit verschiedene Studien.

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Viele haben mehr Angst vor der Narkose als vor der Operation

25 min, aus Puls vom 20.4.2009

In 29 Studien mit über 10‘000 Patienten wurden Menschen mit Knie- oder Hüftprothesen-OP untersucht, die entweder eine Vollnarkose oder eine Teilnarkose erhalten hatten. Im Hinblick auf Mortalität, Thrombosen, Infektionen, Übelkeit und Erbrechen, Nervenschädigungen und kognitiver Störungen fanden die Autoren keine Unterschiede zwischen den beiden Techniken.

Lediglich beim Kaiserschnitt hat eine Teilnarkose (Spinalanästhesie) eindeutige Vorteile, weil die Mutter dabei wach bleibt und nicht beatmet werden muss. Es konnte gezeigt werden, dass bei Spinalanästhesie bei Kaiserschnitt die Sterblichkeit tiefer liegt als bei einer Vollnarkose. Das ist jedoch die einzige Situation, für die ein bedeutender Vorteil zweifelsfrei gezeigt werden konnte.

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