Der Esel: Hommage an ein verkanntes Tier

Günstig im Unterhalt, hart im Nehmen und hell im Kopf – der Esel ist alles andere als dumm und stur.

Ein Esel schaut direkt in die Kamera Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Treuer Helfer des Menschen, aber oftmals verkannt: der Esel. Imago

Menschen- und Eselslogik laufen einander oft zuwider: Der Esel ist ein Wüstentier und als solches darauf spezialisiert, ruhig zu stehen, wenn Gefahr naht und Verdorrtes zu fressen, wenn der Hunger nagt. Aber seine Genügsamkeit wird ihm als Dummheit und seine Vorsicht als Starrsinn ausgelegt. Eine Deutung, die eher etwas aussagt über die Einfalt unserer Spezies als die wahre Natur des Esels.

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Hörpunkt

Hörpunkt

Am 2. Februar 2017 gibt sich Radio SRF2 Kultur störrisch und berichtet den ganzen Tag lang nur über einen: den Esel. Im preisgekrönten «Hörpunkt» von 9 Uhr bis 15 Uhr und in der Wiederholung ab 19 Uhr.
«Der Esel – der älteste Kleintransporter der Welt»

Perfektioniert für ein Leben in der Wüste

Denn Esel sind genau richtig, wie sie sind: nämlich perfekt gebaut für ein Leben in Wüste und Steppe. Eselsohren sind grösser als Pferdeohren und dienen als natürliche Klimaanlage bei hohen Temperaturen. Esel brauchen kein grünes Gras – im Gegenteil, es macht sie fett und krank. Steppengräser, krautige Pflanzen und selbst verholzte Pflanzenteile bekommen ihnen besser.

Wie die Wiederkäuer können Esel zellulosehaltige Nahrung verdauen. Da sie keinen mehrteiligen Wiederkäuermagen besitzen, landet die verholzte und ballaststoffreiche Nahrung stattdessen im Blinddarm, der auf die verdauungstechnische Schwerstarbeit spezialisiert ist. Anders als die übrigen Pferdeartigen hält der Esel lange Durstperioden aus und kann im Gegenzug eine grosse Menge an Wasser aufs Mal saufen.

Vorsicht als Lebensmaxime

Sein Stimmorgan ist laut und seine heiseren Schreie sind noch in einer Entfernung von über drei Kilometern zu hören. Die perfekte Reichweite für ein Leben in der Einöde – besonders für männliche Tiere, die als Einzelgänger in grosser Distanz zu anderen Artgenossen leben. In sexuell aktiven Zeiten können die Hengste zu echten Nervensägen werden. Ansonsten haben Esel ein sehr friedliches, geselliges, gelehriges und spielfreudiges Wesen.

Und sie sind äusserst vorsichtig. In Situationen, die sie verunsichern und ängstigen, bleiben sie stehen. Was der Mensch als Sturheit auffasst, ist nichts anderes als kluges wüstentaugliches Verhalten. Vorsicht ist des Esels Lebensmaxime. Wer in einer prekären, heissen, trockenen und nahrungsarmen Gegend lebt, tut gut daran, haushälterisch mit seinen Reserven umzugehen.

Stehenbleiben hat Tradition

Wo der Esel seinen Ursprung hat, gibt es keine Fliessgewässer. Folglich bleibt der kluge Esel selbst vor seichtesten Rinnsalen stehen. Ist auch sein Besitzer klug, baut der ihm eine kleine Eselsbrücke (!) aus Steinen oder Hölzern, über die das Tier dann trockenen Hufes ans andere Ufer schreiten kann.

Jede unnötige Verausgabung, jede noch so kleine Verletzung kann existentiell werden. Stehenbleiben hat Tradition. Wer in der Hitze der Wüste, auf Sand und Geröll davonstiebt, bricht sich leicht ein Bein und riskiert einen elendiglichen Tod. Auch wenn der Esel Afrika längst verlassen hat, schützt er sich wie dazumal. Das ist auch deshalb sinnvoll, weil viele Greiftiere in der Wüste nur bewegte Objekte wahrnehmen. Beutetiere tun also gut daran, still zu halten. Genau daran hält sich der Hausesel noch heute.

Zugtier, Lastenschlepper, Schmuggler

Bis vor wenigen Jahrzehnten diente der Esel auch in unseren Breitengraden vor allem als Lasttier. In Krieg und Frieden, auf Äckern und Saumpfaden, auf Expeditionen und Handelswegen wie der Seidenstrasse transportierte er, was der Mensch ihm auftrug. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft wurde das Tier immer seltener als Arbeitskraft eingesetzt.

Doch in weiten Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas ist der Esel noch heute ein äusserst wertvolles Nutztier: Die britische Eselin Fanny zieht den Milchkarren alleine zur Sammelstelle, indische Esel tragen Backstein-Lasten so schwer wie sie selbst ohne Aufsicht zur Baustelle, ostanatolische Grautiere schmuggeln auf stundenlangen nächtlichen Bergtouren im türkisch-iranisch-irakischen Grenzgebiet, was der Mensch begehrt.

Mehr als ein Kuscheltier

In Europa hat sich der Esel längst zum Kuscheltier gewandelt, das von den Shrek-Filmen und dem grossmäuligen Eselhelden «Donkey» inspiriert mittlerweile in grosser Zahl zunächst unter dem Weihnachtsbaum und später im Eselasyl landet. Doch werden seine alten Tugenden auch für sinnvollere Zwecke wiederentdeckt. Der Esel arbeitet als trittsicherer Katastrophenhelfer in erdbebengeschädigten Gebieten, er wird als lebendiger Kleinkredit an armutsgeplagte Frauen in Afrika abgegeben und hierzulande dient er gelegentlich sogar als Psychotherapeut – als «Esel reloaded» sozusagen.

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